Rote Bohnen

Auszüge hier veröffentlicht bei circa 8:50 min.

Das Flugzeug hatte sie und einige hundert Menschen einfach dort ausgespuckt. Irgendwo zwischen Deutschland und dem Ende der Welt, 9000 km weit weg von zu Hause. Ohne Orientierung zwar, aber zumindest mit einer Adresse, sorgsam niedergeschrieben in der lokalen Sprache. Luftfeuchtigkeit und Hitze hatten ein erstes Begrüßungskomitee gebildet. Durch die unverständlichen Schriftzeichen und die schwierige Kommunikation mit dem Taxifahrer, zog ein Unbehagen herauf wie Gewitterwolken am blauen Himmel. Entweder, man beherrschte die Sprache oder konnte sein Reiseziel schriftlich in Landessprache vorlegen. Zumindest Letzteres brachte sie fertig. Und unterschätzte danach nie wieder den Nutzen von Visitenkarten, sammelte sie auf Papier oder per Screenshot. Das tat sie natürlich nie zu Hause, aber zumindest hier, in diesem Land. Wo hier ist? Hier ist in Taiwan und zwar Taiwan wie Taiwan und nicht wie China. Und auch nicht wie Thailand, denn Elefanten gibt es hier keine. Strände zwar schon, aber die Küstenlinie besteht bevorzugt aus Steilklippen, Felsen oder Häfen. Ganz im Süden, unweit der Philippinen, da gibt es Sandstrände. Aber wer Taiwan besucht, kommt nicht deswegen. Wieso also war sie hier? Vielleicht, um ein Stück Asien zu entdecken, ein demokratisches China zu erleben oder möglicherweise der Kulinarik wegen. Sie ließ sich von allem begeistern, kostete ausgiebig die taiwanesische Küche und lernte dabei eine ganz neue Bandbreite an Geschmacksrichtungen kennen. So biss sie nach wochenlangem Aufenthalt freudig in das Teigbällchen, was sie anfangs noch mit großem Misstrauen gen Tellerrand geschoben hatte. Wie bei Menschen auch, sieht man den dampfnudelartigen Leckereien auf den ersten Blick nicht an, was in ihnen steckt. Es besteht also nicht nur die Möglichkeit der Begegnung mit etwas völlig Unerwartetem, sondern sogar eine hohe Wahrscheinlichkeit. Dabei muss noch nicht einmal das Gerücht von Hund und Katze bemüht werden, denn das Spektrum reicht von scharfem Schweinefleisch bis hin zu pappsüßer Vanillecreme. Hätte sie Schulnoten verteilen müssen, wäre das wohl so ausgegangen: Größe der Auswahl: Note 1 mit Sternchen. Qualität: Meistens eine solide 2, ab und zu Abweichungen, in der Regel nach oben. Appetitstillend: Je nach Größe und Anzahl eine 2-3. Berechenbarkeit: Für einen nicht-einheimischen nicht existent. Daher: Durchgefallen. Schnell wurden die Exemplare mit einer Füllung aus roten Bohnen zu ihrem persönlich Kryptonit. Bis dato nicht probiert, aber allein davon abgeschreckt, dass diese zum süßen anstatt zum deftigen Kreis zählten, versuchte sie stets, diese zu vermeiden. Dann aber änderte sich die Gesamtsituation und folglich auch die kulinarische Bandbreite: Sie ließ sich von den Locals in eine neue, magisch anmutende Welt entführen. In eine Welt, in der als kalt angepriesenes Wasser mindestens Raumtemperatur hat, Suppe und Reis zum Frühstück serviert und wann immer möglich drei warme Mahlzeiten am Tag verspeist werden. Unvorstellbar war für sie gewesen, diese Ernährungsweise in Deutschland beibehalten zu wollen: Jeden Tag, den sie mit einer dampfenden Suppe begann, konnte nur gut werden. Zum Mittagessen begegnete sie auch gerne mal einem Rätsel, beispielweise in der Kantine: Einmal in Form eines schnitzelgroßen Fleischstückes, was nur mit Stäbchen zu verspeisen war. Ehrlicherweise ratlos fragte sie ihre Kollegen um Hilfe, die amüsiert wissen wollten, ob Deutsche denn keine Zähne besäßen. Der wachsenden Verwirrung Einhalt gebietend, erbarmte sich ihr Tischnachbar und demonstrierte mit einem Schnitzel in ähnlicher Größe, dass „hineinbeißen und den Rest fallen lassen“ zu den landesweit akzeptierten Tischmanieren zählte. Und das vermutlich nicht nur dort, sondern auch in China. Als unabhängiger Inselstaat ist Taiwan durch 180 km südchinesischen Meeres von dem Kontinent getrennt. Das ist wahrscheinlich ausreichend Distanz, um eigene Gewohnheiten und landestypische Spezialitäten zu entwickeln, aber womöglich zu wenig, um riesige Unterschiede zu manifestieren. Trotzdem ist Taiwan nicht China. Um von Europäern als eigenständiges Land und insbesondere Reiseziel wahrgenommen zu werden, reicht es oft nicht. Taiwan, so hörte sie, ist für viele Leckereien bekannt: Da ist der taiwanesischen Bubble Tea, der in Deutschland einen Sommer lang beliebt war. Tee mit Milch zu mischen war und ist ihrer Meinung nach eine tolle Idee, wenn der dann noch mit Kügelchen aus Yams-Wurzeln verfeinert wird, kommt die Mischung der Perfektion ganz nahe. Als Konsument kann man aus schier endlosen Kombinationen wählen und dabei sowohl Temperatur, als auch Süße bestimmen. Das Getränk ersetzt appetittechnisch eine ganze Mahlzeit – wären da nicht so viele andere Leckereien zum Ausprobieren. Taiwan ist auch bekannt für stinkendes Tofu. Aber es ist noch viel bekannter für Dumplings, die taiwanesische Antwort auf die schwäbischen Maultauschen. Dünner Teig umwickelt köstliche Füllungen, die Krabbenfleisch, Schweinefleisch oder gar die Mischung von beidem enthalten. Verspeist werden sie in Chilisauce oder klassischem Essig-Soja-Dip. Ab und an fand sie den westlichen Geschmack wieder, spätestens als sie plötzlich auf Trüffel biss. In Kombination mit der herzerwärmenden Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Taiwanesen, die allen Sprachbarrieren trotzt, ist ein Besuch in der bekanntesten Restaurantkette erst dann vollkommen, wenn die Kellner den Besucher so oft darauf hinweisen, dass er viel mehr bestellt hat, als er essen kann, bis der nachgibt und seine Bestellung halbiert. Die Kombination von Kapitalismus und Kundenfreundlichkeit hat sie nachhaltig beeindruckt. Aber auch abseits der Nahrungsaufnahme gibt es noch jede Menge Erstaunliches. So wird der Müll regelmäßig von Müllwägen abgeholt, die ihr Erscheinen mit Beethovens „Für Elise“ ankündigen. Mülltonnen existieren keine. Aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit ist das eine geruchsarme und praktische Entsorgungsmöglichkeit. Fährt der Wagen vor, eilen die Anwohner mit ihrem Abfall hinunter auf die Straße. Die Müllmänner und -Frauen achten penibel auf die korrekte Trennung der Abfälle: So müssen selbst Essensreste in zwei Kategorien, gegart und roh, aufgeteilt werden. Wer sich nicht daran hält, wird seinen Müll nicht los. Einfach, aber wirksam. In derselben Liga sieht sie die Möglichkeit, Restaurantreservierungen und Arzttermine online zu buchen. Und zwar nicht über deren Webseiten, sondern ganz bequem über das taiwanesische What’s App. Man kann darüber auch mit der Regierung kommunizieren, bekommt Sturmwarnungen direkt auf sein Smartphone oder vereinbart mit seinem Fitnessstudio den nächsten Trainingstermin. Ein letztes Beispiel aus der Serie „Einfach, aber wirksam“ sind die sogenannten Convenience Stores. Für sie als Fremde waren diese wahnsinnig praktisch, denn sie sind rund um die Uhr geöffnet und außer verpackten Lebensmitteln und warmem Essen gibt es hier auch Wifi, kostenlose Toiletten und Geldautomaten. Außerdem kann die Geldkarte für den Nahverkehr aufgeladen werden, die wiederum auch in den Convenience Stores und in Bäckereien als Zahlungsmittel genutzt wird. Bargeldlos. Zug-, Lotterie- und Veranstaltungskarten hat sie zwar dort nicht gekauft, hätte sie aber tun können. Sie hat Dokumente drucken und sich ein Taxi rufen lassen. Convenient eben. Und der Beweis, dass unterschiedliche Länder verschiedene Lösungen für die Probleme des Alltags entwickelt haben.

Sie empfindet es als Privileg, ein neues Land kennen lernen zu dürfen. Insbesondere dann, wenn die Unterschiede auf den ersten Blick größer scheinen als die Gemeinsamkeiten. In Mandarin, demjenigen Dialekt der chinesischen Sprache, der in Taiwan hauptsächlich gesprochen wird, existiert die Formulierung „aus dem Rahmen springen“. Es geht darum, etwas Neues zu entdecken. Es ist ihr nicht leichtgefallen, den Mut zum Sprung aufzubringen. Aber sie hat es getan und damit reale als auch imaginäre Grenzen zum Verblassen gebracht. Die leuchtende Weite an Möglichkeiten ließ sie beinahe erblinden. Wie kann das sein, fragte sie sich. Wieso sind Menschen, die lateinische Buchstaben erst im Alter von etwa acht Jahren lernen, Reis wenn möglich zu jeder Mahlzeit verspeisen und viel Geld für hautaufhellende Cremes ausgeben, ihr ähnlicher, als diejenigen, mit denen sie aufgewachsen ist? Man ist doch so unterschiedlich, hier Taiwan, dort Deutschland, zwischendrin die halbe Welt. Geschichte, Kultur, Herausforderungen. So anders in jedem Aspekt. Nein, sagte eine Stimme in ihrem Kopf, das ist nicht wahr. Alle Menschen haben Träume. Alle Menschen haben den gleichen Gesichtsausdruck, wenn sie verliebt sind. Alle Menschen haben rotes Blut. Also eigentlich überhaupt nicht anders. Aber sie hat die Wahl: Gemeinsamkeiten betonen oder Unterschiede. Sich differenzieren oder verbinden, wie beispielsweise durch die landestypische Küche: In Deutschland isst man Bohnen als deftige Speise, in Taiwan genießt man sie als Nachtisch. Aber in beiden Ländern schätzt man sie. Rote Bohnen haben ihr geholfen, ihre Vorurteile zu überwinden. Das hat sie reich gemacht. Nicht nur kulinarisch, sondern auch über den Tellerrand hinaus.