Rote Bohnen

Auszüge hier veröffentlicht bei circa 8:50 min.

Das Flugzeug hatte sie und einige hundert Menschen einfach dort ausgespuckt. Irgendwo zwischen Deutschland und dem Ende der Welt, 9000 km weit weg von zu Hause. Ohne Orientierung zwar, aber zumindest mit einer Adresse, sorgsam niedergeschrieben in der lokalen Sprache. Luftfeuchtigkeit und Hitze hatten ein erstes Begrüßungskomitee gebildet. Durch die unverständlichen Schriftzeichen und die schwierige Kommunikation mit dem Taxifahrer, zog ein Unbehagen herauf wie Gewitterwolken am blauen Himmel. Entweder, man beherrschte die Sprache oder konnte sein Reiseziel schriftlich in Landessprache vorlegen. Zumindest Letzteres brachte sie fertig. Und unterschätzte danach nie wieder den Nutzen von Visitenkarten, sammelte sie auf Papier oder per Screenshot. Das tat sie natürlich nie zu Hause, aber zumindest hier, in diesem Land. Wo hier ist? Hier ist in Taiwan und zwar Taiwan wie Taiwan und nicht wie China. Und auch nicht wie Thailand, denn Elefanten gibt es hier keine. Strände zwar schon, aber die Küstenlinie besteht bevorzugt aus Steilklippen, Felsen oder Häfen. Ganz im Süden, unweit der Philippinen, da gibt es Sandstrände. Aber wer Taiwan besucht, kommt nicht deswegen. Wieso also war sie hier? Vielleicht, um ein Stück Asien zu entdecken, ein demokratisches China zu erleben oder möglicherweise der Kulinarik wegen. Sie ließ sich von allem begeistern, kostete ausgiebig die taiwanesische Küche und lernte dabei eine ganz neue Bandbreite an Geschmacksrichtungen kennen. So biss sie nach wochenlangem Aufenthalt freudig in das Teigbällchen, was sie anfangs noch mit großem Misstrauen gen Tellerrand geschoben hatte. Wie bei Menschen auch, sieht man den dampfnudelartigen Leckereien auf den ersten Blick nicht an, was in ihnen steckt. Es besteht also nicht nur die Möglichkeit der Begegnung mit etwas völlig Unerwartetem, sondern sogar eine hohe Wahrscheinlichkeit. Dabei muss noch nicht einmal das Gerücht von Hund und Katze bemüht werden, denn das Spektrum reicht von scharfem Schweinefleisch bis hin zu pappsüßer Vanillecreme. Hätte sie Schulnoten verteilen müssen, wäre das wohl so ausgegangen: Größe der Auswahl: Note 1 mit Sternchen. Qualität: Meistens eine solide 2, ab und zu Abweichungen, in der Regel nach oben. Appetitstillend: Je nach Größe und Anzahl eine 2-3. Berechenbarkeit: Für einen nicht-einheimischen nicht existent. Daher: Durchgefallen. Schnell wurden die Exemplare mit einer Füllung aus roten Bohnen zu ihrem persönlich Kryptonit. Bis dato nicht probiert, aber allein davon abgeschreckt, dass diese zum süßen anstatt zum deftigen Kreis zählten, versuchte sie stets, diese zu vermeiden. Dann aber änderte sich die Gesamtsituation und folglich auch die kulinarische Bandbreite: Sie ließ sich von den Locals in eine neue, magisch anmutende Welt entführen. In eine Welt, in der als kalt angepriesenes Wasser mindestens Raumtemperatur hat, Suppe und Reis zum Frühstück serviert und wann immer möglich drei warme Mahlzeiten am Tag verspeist werden. Unvorstellbar war für sie gewesen, diese Ernährungsweise in Deutschland beibehalten zu wollen: Jeden Tag, den sie mit einer dampfenden Suppe begann, konnte nur gut werden. Zum Mittagessen begegnete sie auch gerne mal einem Rätsel, beispielweise in der Kantine: Einmal in Form eines schnitzelgroßen Fleischstückes, was nur mit Stäbchen zu verspeisen war. Ehrlicherweise ratlos fragte sie ihre Kollegen um Hilfe, die amüsiert wissen wollten, ob Deutsche denn keine Zähne besäßen. Der wachsenden Verwirrung Einhalt gebietend, erbarmte sich ihr Tischnachbar und demonstrierte mit einem Schnitzel in ähnlicher Größe, dass „hineinbeißen und den Rest fallen lassen“ zu den landesweit akzeptierten Tischmanieren zählte. Und das vermutlich nicht nur dort, sondern auch in China. Als unabhängiger Inselstaat ist Taiwan durch 180 km südchinesischen Meeres von dem Kontinent getrennt. Das ist wahrscheinlich ausreichend Distanz, um eigene Gewohnheiten und landestypische Spezialitäten zu entwickeln, aber womöglich zu wenig, um riesige Unterschiede zu manifestieren. Trotzdem ist Taiwan nicht China. Um von Europäern als eigenständiges Land und insbesondere Reiseziel wahrgenommen zu werden, reicht es oft nicht. Taiwan, so hörte sie, ist für viele Leckereien bekannt: Da ist der taiwanesischen Bubble Tea, der in Deutschland einen Sommer lang beliebt war. Tee mit Milch zu mischen war und ist ihrer Meinung nach eine tolle Idee, wenn der dann noch mit Kügelchen aus Yams-Wurzeln verfeinert wird, kommt die Mischung der Perfektion ganz nahe. Als Konsument kann man aus schier endlosen Kombinationen wählen und dabei sowohl Temperatur, als auch Süße bestimmen. Das Getränk ersetzt appetittechnisch eine ganze Mahlzeit – wären da nicht so viele andere Leckereien zum Ausprobieren. Taiwan ist auch bekannt für stinkendes Tofu. Aber es ist noch viel bekannter für Dumplings, die taiwanesische Antwort auf die schwäbischen Maultauschen. Dünner Teig umwickelt köstliche Füllungen, die Krabbenfleisch, Schweinefleisch oder gar die Mischung von beidem enthalten. Verspeist werden sie in Chilisauce oder klassischem Essig-Soja-Dip. Ab und an fand sie den westlichen Geschmack wieder, spätestens als sie plötzlich auf Trüffel biss. In Kombination mit der herzerwärmenden Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Taiwanesen, die allen Sprachbarrieren trotzt, ist ein Besuch in der bekanntesten Restaurantkette erst dann vollkommen, wenn die Kellner den Besucher so oft darauf hinweisen, dass er viel mehr bestellt hat, als er essen kann, bis der nachgibt und seine Bestellung halbiert. Die Kombination von Kapitalismus und Kundenfreundlichkeit hat sie nachhaltig beeindruckt. Aber auch abseits der Nahrungsaufnahme gibt es noch jede Menge Erstaunliches. So wird der Müll regelmäßig von Müllwägen abgeholt, die ihr Erscheinen mit Beethovens „Für Elise“ ankündigen. Mülltonnen existieren keine. Aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit ist das eine geruchsarme und praktische Entsorgungsmöglichkeit. Fährt der Wagen vor, eilen die Anwohner mit ihrem Abfall hinunter auf die Straße. Die Müllmänner und -Frauen achten penibel auf die korrekte Trennung der Abfälle: So müssen selbst Essensreste in zwei Kategorien, gegart und roh, aufgeteilt werden. Wer sich nicht daran hält, wird seinen Müll nicht los. Einfach, aber wirksam. In derselben Liga sieht sie die Möglichkeit, Restaurantreservierungen und Arzttermine online zu buchen. Und zwar nicht über deren Webseiten, sondern ganz bequem über das taiwanesische What’s App. Man kann darüber auch mit der Regierung kommunizieren, bekommt Sturmwarnungen direkt auf sein Smartphone oder vereinbart mit seinem Fitnessstudio den nächsten Trainingstermin. Ein letztes Beispiel aus der Serie „Einfach, aber wirksam“ sind die sogenannten Convenience Stores. Für sie als Fremde waren diese wahnsinnig praktisch, denn sie sind rund um die Uhr geöffnet und außer verpackten Lebensmitteln und warmem Essen gibt es hier auch Wifi, kostenlose Toiletten und Geldautomaten. Außerdem kann die Geldkarte für den Nahverkehr aufgeladen werden, die wiederum auch in den Convenience Stores und in Bäckereien als Zahlungsmittel genutzt wird. Bargeldlos. Zug-, Lotterie- und Veranstaltungskarten hat sie zwar dort nicht gekauft, hätte sie aber tun können. Sie hat Dokumente drucken und sich ein Taxi rufen lassen. Convenient eben. Und der Beweis, dass unterschiedliche Länder verschiedene Lösungen für die Probleme des Alltags entwickelt haben.

Sie empfindet es als Privileg, ein neues Land kennen lernen zu dürfen. Insbesondere dann, wenn die Unterschiede auf den ersten Blick größer scheinen als die Gemeinsamkeiten. In Mandarin, demjenigen Dialekt der chinesischen Sprache, der in Taiwan hauptsächlich gesprochen wird, existiert die Formulierung „aus dem Rahmen springen“. Es geht darum, etwas Neues zu entdecken. Es ist ihr nicht leichtgefallen, den Mut zum Sprung aufzubringen. Aber sie hat es getan und damit reale als auch imaginäre Grenzen zum Verblassen gebracht. Die leuchtende Weite an Möglichkeiten ließ sie beinahe erblinden. Wie kann das sein, fragte sie sich. Wieso sind Menschen, die lateinische Buchstaben erst im Alter von etwa acht Jahren lernen, Reis wenn möglich zu jeder Mahlzeit verspeisen und viel Geld für hautaufhellende Cremes ausgeben, ihr ähnlicher, als diejenigen, mit denen sie aufgewachsen ist? Man ist doch so unterschiedlich, hier Taiwan, dort Deutschland, zwischendrin die halbe Welt. Geschichte, Kultur, Herausforderungen. So anders in jedem Aspekt. Nein, sagte eine Stimme in ihrem Kopf, das ist nicht wahr. Alle Menschen haben Träume. Alle Menschen haben den gleichen Gesichtsausdruck, wenn sie verliebt sind. Alle Menschen haben rotes Blut. Also eigentlich überhaupt nicht anders. Aber sie hat die Wahl: Gemeinsamkeiten betonen oder Unterschiede. Sich differenzieren oder verbinden, wie beispielsweise durch die landestypische Küche: In Deutschland isst man Bohnen als deftige Speise, in Taiwan genießt man sie als Nachtisch. Aber in beiden Ländern schätzt man sie. Rote Bohnen haben ihr geholfen, ihre Vorurteile zu überwinden. Das hat sie reich gemacht. Nicht nur kulinarisch, sondern auch über den Tellerrand hinaus.

 

 

Die Reise

Unaufhörlich schweben die dicken Schneeflocken gen Erde und befehlen der Kälte, durch die Fensterschlitze hineinzukriechen und sich in dem warmen Raum einzunisten. In wenigen Stunden wird das noch warme Zimmer infiziert sein, das Leben darin wird verblassen bis es schließlich ganz zu entschwinden droht.
Der Prozess tropft dahin, tarnt sich in der Langsamkeit des Seins für das bloße Auge unsichtbar. Den Fall der Schneeflocken zu beobachten, versuchen sie zu zählen und trotz des hundertfachen Scheiterns nicht den Mut zu verlieren, ist ein möglicher Zeitvertreib. Schneller als befürchtet entdeckt die Kälte einen Zugang zu dem Zimmer, den sie über lange Zeitabschnitte nutzen wird.
Der Mensch, der sich nichtsahnend darin aufhält beginnt zunächst zu frösteln, zu frieren, schließlich zu zittern, zu schreien und irgendwann um Wärme und Hilfe zu strampeln. Am Ende tritt Stille ein. Wieso die Kälte sich unbedingt Zutritt verschaffen will, ist nach wie vor ein Geheimnis.
Greift sie willentlich an?
Wählt sie sich die Zimmer mit den Menschen darin höchstpersönlich aus?
Wenn ja, anhand welcher Kriterien?
Wir könnten sie fragen:
Was willst du hier?
Was willst du von mir?
Lassen Sie sich nicht von falschen Hoffnungen mitreißen, sie wird auf solche Fragen niemals antworten. Schweigt sich aus darüber, verurteilt den Fragenden dazu, in alle Ewigkeit eine Antwort zu erbetteln oder sich selbst eine zu schneidern.
Menschen sprechen nicht gerne über die Kälte, ja geben manchmal sogar vor, dass sie noch keine Bekanntschaft geschlossen hätten mit ihr, allerhöchstens im Nachbarzimmer einen wachsenden Schatten bemerkt zu haben.
Aber da er weit entfernt ist von dem eigenen Raum, gilt das Entsetzen anstatt des eigenen Eingreifens als völlig hinreichende Reaktion. Kein Verbrechen begangen, der Bequemlichkeit Genüge getan. Lange Reihen bilden sich vor Geschäften, um wärmere Mäntel, größere Hüte und dickere Handschuhe zu erstehen.
Wieso versteckst du ein Zeugnis deines Sieges tief in deinem Schrank? Wir sind peinlich berührt, tauschen uns nicht aus, kämpfen also alleine. In den ersten Jahren nach dem Überfall der Kälte auf mein Zimmer sah es gut für sie und schlecht für mich aus, denn egal welchen Mantel ich mir umlegte, er wärmte mich nur für die Dauer eines Wimpernschlags.
Mützen habe ich aus dieser Zeit mehr als ich tragen kann, sie waren hilfreich um die Kälte zu verstecken. Vor mir selbst und vor den neugierigen, mitleidigen und abwertenden Blicken der Menschen, die ich einst für gut hielt.
Verschiedene Farben drücken Stilsicherheit aus und manifestieren ungewollt eine Sorglosigkeit, die mich erschreckt. Ozeanblau, Sonnengelb, Karminrot. Wo ich diese erstanden hätte? wollen sie wissen. Sie seien so wunderschön, die bunten Farben so optimistisch vor dem grauen Februarhimmel.
Die Kälte ist weiterhin auf dem Vormarsch, der Spiegel wird zu meinem Todfeind, verbündet sich mit den meisten Menschen, auch den Unbekannten oder den losen Bekanntschaften. Ich bin von der Kälte infiziert, das können sie sehen trotz all meiner Versuche, es zu verstecken.
Zu keiner Sekunde ruhen die feindseligen Blicke. Die Kälte selbst erweist sich nicht als so gnadenlos wie sie, denn sie lässt mich ihre Anwesenheit wenigstens ab und zu ignorieren. Stell dich nicht so an, verlangen sie, es ist doch nur dein Kopf.
Die Kälte hat mich mittlerweile umzingelt, nach zu langem Kampf ergebe ich mich und es ist eine Erleichterung, wieder atmen zu dürfen. Verlasse endlich meine Welt. Die Kälte wird zunehmend frostiger, denn wenn man offensichtlich infiziert ist, legt sie mit dieser Wahrheit noch zu:
Sie zieht ihre Kraft zusammen, sammelt sich, baut sich auf, um dann unter Getöse zu brechen, alles in ihrer Nähe zu überschwemmen mit einer stinkenden Brühe aus falscher und echter Anteilnahme, spitzen Bemerkungen und insbesondere den gut gemeinten Ratschlägen, sich besser gleich und vollständig der Kälte zu ergeben weil ein solches Leben nicht lebenswert ist.
Sie urteilen über mein Leben und verleihen ihm die Auszeichnung „nicht lebenswert“. Sie wissen nicht, dass die Kälte irgendwann nach uns allen greift und früher als später auch sie erwischt. Meine Mütze, Mantel und Schal liegen längst auf der Garderobe bereit.
Ich verharre also zunächst in der Kälte, verweile aber nicht für immer in ihr, treffe die bewusste Entscheidung, sie loszulassen. Finde Halt in einer, anderen, meiner Welt: Bunt, verrückt und wunderbar. Ein Ozean kann dutzende, vielleicht sogar hunderte verschiedene Töne annehmen, genau wie der Himmel, Wälder oder ganze Landstriche sind sie voller Farben und Möglichkeiten, die den Beobachter schon nach wenigen Sekunden in Jubel singen lassen.
Grau ist Vergangenheit. Es ist verrückt so laut zu sprechen, dass Tausende zuhören, ohne Text und nach dem freien Fall auf den eigenen Füßen zu landen. Und an jeder Ecke dieser Erde Menschen zu treffen, die so sind wie das eigene Selbst. Verbindungen mit Fremden, die nach wenigen Minuten bedeutender sind als Freundschaften, die zwanzig Jahre lang existiert haben.
In meinem Zimmer habe ich eine Heizung entdeckt. Ich glaube, sie war schon immer da aber ich habe sie nie zuvor gesehen. Sie war verdeckt von den Regeln der früheren Welt. Ich hoffte immer, dass sie existiert. Aber ich dachte nie, dass ich einfach nur die Hand ausstrecken muss um sie zu erreichen.
Natürlich drehe ich manchmal die Heizung voll auf und dichte die Fensterschlitze ab, bis mir der Schweiß von der Stirn rinnt. Ab und an funktioniert sie nicht oder ich vergesse sie einzuschalten. Dann klopft die Kälte wieder an und ich bitte sie zum Tee herein. Manchmal lüfte ich und gehe auch hinaus.
Mein Ziel fest vor Augen, gibt es nun nichts mehr, was mir Löcher in meine Seele brennt. Wieso sollte ich verzagen? Mein Zimmer wartet schließlich auf mich. Die Kälte hat mich verändert. Sie hat mir beigebracht, dass ich selbst meine Welt erschaffen kann. Sogar erschaffen muss.
Dass der Mut dazu in mir ist, zwar tief verborgen, aber stets vorhanden. Dieser Welt darf ich meine Regeln zugrunde legen. Hätte sich die Kälte nicht wie zufällig mein Zimmer ausgesucht, lebte ich nach wie vor in einer Welt deren Regeln mir niemals sinnvoll erscheinen werden.
Sie hat mich davor gerettet. Wir sind jetzt Freunde, die Kälte und ich. Wenn sie mich wieder angreift, bin ich zuversichtlich: Meine Siegesgewissheit stapelt sich bis unter die Decke. Und das ist sogar so hoch, dass ich gerne am Fenster sitze und dem blütenweißen Zauber zusehe, der die Erde in ein weißes Kleid hüllt.
Wir sind jetzt Freunde, die Kälte und ich. Am Samstag gehen wir zusammen ins Kino. Und weil die Kälte und ich jetzt Freunde sind, werden wir nach dem Film die ganze Nacht durchfeiern, während es draußen unaufhörlich schneit.

Realität Delphi

„Aber was ist Gerechtigkeit? Gerechtigkeit ist nicht, wenn die Politik von Konzernen regiert wird. Unsere Bedürfnisse, die des Bürgers, rücken komplett in den Hintergrund. Wieso? Ganz einfach: Das Geld ist ihr einziges Interesse.
Die Demokratie ist so weich wie Kürbisfleisch und wird mit stumpfen Löffeln ausgehöhlt. Wir werden dem Gott des Geldes geopfert.“ Sein Blick schweifte im Raum umher, zweihundert Zuschauer wurden von einer unruhigen Aufmerksamkeit erfasst. „Aber es sind nicht nur wir selbst, es sind auch und vor allem unsere Kinder.“
Nacheinander fixierte er einige Zuhörer und holte Luft. „Niemand von uns ist frei in einer so ungerechten Welt. Niemand wird es jemals wieder sein, denn Freiheit bedeutet, sein Leben selbst zu bestimmen. Dazu sind wir schon lange nicht mehr in der Lage. Niemand von uns.“
Er schluckte. „Aber heute ist es genug. Heute wehren wir uns gegen das Geld. Zusammen können wir es ändern!“ Sophia zwang sich dazu wegzuhören, sodass sie sich auf den Zuschauerraum konzentrieren konnte. Der emotionale Teil der Ansprache würde gleich beginnen, er löste schnell Tumulte aus: Die Wut darüber, wie gnadenlos das Schicksal der Menschen besiegelt wurde, erreichte immer wieder ungeahnte Höhen.
In ihrem Headset knackte es. „Hier alles in Ordnung“, hörte sie die Stimme eines Kollegen aus der anderen Ecke des Raumes. Routiniert ließ sie ihren Blick über die Bühne wandern, wo David nebst zwei Bodyguards sprach.
„Hier auch“, erwiderte sie, behielt die Zuschauermenge trotzdem im Blick. „… schlechte Luft und jede Menge Verkehrstote, nur um der Automobilindustrie zu noch größeren Gewinnen zu verhelfen. Wir werden todkrank gemacht, während sie Champagner auf ihren Jachten schlürfen!“
Gemurmel brach aus und Sophia fühlte Adrenalin ihren Körper alarmieren. Gleich würde es beginnen. „… waren uns die Roboter, die mit künstlichen Intelligenzen ausgestattet sind, immer eine große Hilfe. Aber: Sie machen uns überflüssig! Die Hälfte der Bevölkerung wurde arbeitslos, weil Roboter die billigere Lösung sind. Und wir werden von der Grundsicherung gerade so am Leben gehalten, weil es ein Skandal wäre, wenn sie uns verhungern ließen. Müssen wir damit im Jahre 2035 zufrieden sein?“
Einige aggressive Zwischenrufe machten Sophia nervös. David blieb nichts anderes übrig, als seine Rede lautstark fortzusetzen. Sie blickte alarmiert auf, als plötzlich drei weitere Personen den Raum betraten, der eigentlich seit dem Beginn der Rede abgeriegelt war.
Sie hechtete auf die Bühne und riss David zu Boden. Ihre Intuition hatte sie nicht getäuscht, denn Sekunden später pfiffen Kugeln durch die Luft. „Plan Delphi!“, brüllte sie in das Headset, aber die Geräuschkulisse verschluckte jede Antwort. David war unverletzt, trug aber im Gegensatz zu ihr keine kugelsichere Weste. Verdammte Imagegründe.
Sie krochen zum hinteren Rand der Bühne und Sophia half David hinunter, folgte ihm und sie verharrten in der Deckung. Kaum war sie sicher, dass er unverletzt war, spähte sie vorsichtig in den Raum: Die meisten Zuschauer waren geflüchtet und ihr Sicherheitsteam lieferte sich Schusswechsel mit den Angreifern.
Unauffällig verließ sie mit David das Geschehen, die beiden huschten in den Hinterhof, wo der Fahrer auf sie wartete. Sophia ließ ihn zuerst einsteigen, sprang dann ebenfalls in das Fahrzeug, was sich zügig entfernte. Die Augen geschlossen hatte sich der Politiker zurückgelehnt und bevor sie ein Gespräch beginnen konnte, bekam sie eine Meldung über das Headset. „Alle drei Angreifer sind eliminiert.“
Er wirkte nicht so erleichtert wie erwartet. „Ich verstehe.“ Kurze Stille. „Das war knapp“, ließ er sich dann doch zu einem Kommentar hinreißen. Sie schüttelte den Kopf. „Ich hatte damit gerechnet. In einer kaputten Welt wie unseren muss man mit solchen Aktionen rechnen.“
David seufzte schwer. „Ich frage mich wirklich, ob es das alles wert ist.“ Aufmerksam sah sie ihn an. „Natürlich ist es das! David, Deutschland steht kurz vor dem Kollaps! Die Reichsten 2% besitzen alles während der Rest zum Überlebenskampf verdammt ist. Hass regiert dieses Land, Menschen werden arbeitslos und durch Kriminalität oder Sucht aufgefangen!“
Er wandte den Blick ab. „Ich weiß. Aber dank der vielen Feinde, die ich mir gemacht habe, kann ich keine Nacht mehr durchschlafen.“ Sophias Augen glänzten. „Mag sein, dass wir dabei unser Leben lassen, aber wir dürfen nicht aufgeben. Sieh dich doch um: Die frei verkäuflichen Waffen haben uns in Ghettos gepfercht, weil sie zumindest etwas Sicherheit bedeuten! Was ist das für eine Welt?“ Er schien nach wie vor nicht überzeugt und Sophia nahm sich vor, den Einstellungen zu überprüfen.
Traurig wirkte er, als er schließlich doch antwortete: „Die Lage ist auf der ganzen Welt nicht besser. Mit der Zerschlagung der Europäischen Union wurden wir zu einem Spielball. Immer mehr Menschen werden durch Klimaveränderung, Konflikte oder Verfolgung aus ihren Ländern vertrieben.“
Sophia wusste das alles. „Natürlich. Aber ich war selbst an europäischen Außengrenzen stationiert. Ich habe das Elend gesehen. Daran können du und ich momentan nichts ändern, aber wir können zumindest erreichen, dass es den Menschen hier bald besser geht. Dass Kinder nicht mehr wegen fehlender Medikamente sterben müssen. Dass Sucht und Kriminalität nicht vorprogrammiert sind, wenn man nicht zufällig in ein reiches Elternhaus hineingeboren wird.“
Ihr Blick wurde weich. „Dass Chancengleichheit kein Fremdwort mehr ist.“ David schüttelte resigniert den Kopf. „Sie kommen sowieso ständig mit neuen Schikanen um die Ecke. Wie mit der virtuellen Arbeit.“
„Das haben sie sich nur ausgedacht, um die Menschen davon abzuhalten, nachzudenken und gegen die Ungerechtigkeit vorzugehen!“, ereiferte sich Sophia, „denn sechs Stunden pro Tag online sinnlose „Arbeiten“ zu verrichten, nur um Menschen beschäftigt zu halten – was ein Schwachsinn!“
Sie hatten mehrere Sicherheitscheckpoints passiert und bogen in die Tiefgarage ein, die zu Davids Bürokomplex gehörte. Beide verfielen in Schweigen, während sie das Auto verließen, David in sein Büro ging und Sophia sich erst einmal einen Kaffee gönnte.
Durch die Glaswand konnte sie sehen, dass seine Sekretärin hineinkam und ein paar Dinge mit ihm besprach. Sie sinnierte über den Zweck der Mission, umklammerte ihre Tasse mit dem heißen Getränk und fragte sich, ob die Wahl in einigen Wochen Besserung bringen würde.
Sie stand hinter der massiven Glaswand, als wäre sie Teil eines Stummfilmes, tausende Meilen von den Geschehnissen entfernt oder als würde sie schlicht und einfach nur träumen; war bestenfalls hilflose Zuschauerin, als David von seiner langjährigen Assistentin erschossen wurde.

„Verdammter Mist“, fluchte Sophia, zog ihre Virtual Reality Brille vom Kopf und donnerte sie empört auf den Boden. „Das ist kein Spielzeug!“, empörte sich ein Mann mit einem Tablet in der Hand und einer Brille auf der Nase. Schuldbewusst hob sie das Gerät auf. „Sorry, Richard. Hast du zugesehen?“ Er nickte.
„Ja. Guter Ansatz.“ „Von wegen. Erstens wurde er niedergeschossen und zweitens war er nicht von der Mission überzeugt. Wieso? Er ist schließlich unser Politiker, der die Welt verändern will“, wollte sie genervt wissen. Er suchte auf dem Tablet herum. „Die KI hat das so berechnet. Bis zu diesem Zeitpunkt sind so viele Menschen für die Sache gestorben, dass jeder zweifeln würde.“
Er blickte über den Rand seiner Sehhilfe hinweg und musterte sie, aber sie blieb uneinsichtig. „Wieso wird er von der Sekretärin verraten? Und wie zur Hölle hätte ich das verhindern können?“ Richard seufzte entwaffnet. „Weil ihr die Industrie mehr Geld geboten hat, als sie jemals ausgeben kann. Menschen sind korrupt. Zu verhindern wäre das nur, wenn sie nicht auf finanzielle Hilfe angewiesen wären. Aber das charakterisiert nun einmal dieses Szenario.“
Sophia stand auf und rieb sich müde die Stirn. „Zumindest wurde David ihnen gefährlich. Sonst hätten sie nicht in seinen Tod investiert.“ „Absolut. In der aktuellen Entwicklung hättet ihr bei der Wahl drei Wochen später…“ Er suchte wieder auf dem Gerät herum, „22% Prozent erreicht. Die Wahlbeteiligung im Land wäre dank euch von 17% auf 28% gestiegen.“
Frustriert trat Sophia nach dem Stuhl. „Mist. Wir hätten wirklich die 20% Hürde im Bundestag geknackt?“ „Wie ich gerade sagte“, bestätigte ihr Gegenüber, sie hob resigniert die Hände. „Aber David wäre in jedem Fall getötet worden…“ Sie taxierte Richard. „Kann ich überhaupt gewinnen?“ Er zuckte die Schultern.
„Wenn wir das wüssten, würden wir Projekt Delphi sofort einstellen. Aber unsere bisherigen Ergebnisse zeigen, dass es fast unmöglich ist, wenn wir einerseits den Klimawandel nicht bald stoppen und andererseits der Wirtschaft weiterhin die politische Steuerung unseres Landes überlassen. Können wir aber beweisen, dass eine lebenswerte Zukunft unter diesen Umständen unmöglich ist, bekommen diese Themen vielleicht die nötige Aufmerksamkeit. Und die Mehrheit muss doch wirklich Interesse daran haben, zu verhindern, dass die reichsten 2% knapp 90% des Vermögens in diesem Land besitzen.“
Traurig sah Sophia ihn an. „Das wird uns spätestens 2050 die Demokratie kosten. Wie konnte es nur so weit kommen?“, murmelte sie. „Es ist wie mit anderen historischen Ereignissen auch: Man wird sich darüber wundern, aber die Entwicklung ist im Nachhinein offensichtlich. Schon 2014 besaßen die reichsten 10% über 60% des Vermögens, und ein paar Jahre später hat man festgestellt, dass Deutschland über den größten Niedriglohnsektor in Europa verfügt. Vermögen aus Erwerb aufzubauen wird faktisch unmöglich, nur noch das Elternhaus zählt. Chancengleichheit ade.“
Er atmete tief durch. „Wir ignorieren es so lange, bis wieder Populisten an die Macht kommen. Denn sie werden stark, wenn alles andere schwach ist.“ Sophias Gesicht hellte sich auf. „Aber es ist noch nicht 2035. Es ist 2019. Uns läuft zwar die Zeit davon, aber es ist noch nicht zu spät. Noch können wir etwas ändern.“

 

Rechercheinfo hier.

Dreiminutenglück: Kaffeeduft

Das Dreiminutenglück könnte auch „Das kleine Glück“, „Momente der Dankbarkeit“ oder „Etwas Positives in einer Welt, in der meist nur Negativschlagzeilen eine Überschrift wert sind“ heißen. Tut es aber nicht. Denn davon abgesehen, dass diese Alternativen oft gebraucht oder zu lang sind, könnten sie nicht ausdrücken, dass Du zum Lesen des Glück-Textes nicht länger als drei Minuten benötigst. Überleg mal: Wie viele Minuten deiner Zeit wendest du am Tag dafür auf, dich mit all den Schlagzeilen vertraut zu machen? Und wie viel Erfreuliches ist dabei? Genau. Und hier gibt es drei Minuten Glücksmomente aus dem Alltag, weil es die kleinen Dinge sind, die uns glücklich machen und die großen Momente viel zu rar sind, als dass sie uns auf einer zuverlässigen Euphoriewelle durch das Leben tragen können. Von einem Highlight zum nächsten zu kommen ist zwar ein Bilderbuchglückrezept, aber wenn man ehrlich ist, ziemlich unrealistisch. Leider.

Man hat nun also zwei Möglichkeiten: Sich entweder darüber beschweren, dass dem so ist. Oder sich eben auf das alltägliche Glück zu fokussieren. Und das kann dann ab und zu tatsächlich so überwältigend wunderbar sein, dass es sich wie das ganz große Glück anfühlt. Aber genug des Sinnierens: Hier kommt das Dreiminutenglück Pt. 1.

 

Kaffeeduft

Ich war noch nie Fanclubvorsitzende eines Kaffeevereins. Eigentlich habe ich die ersten 27 Jahre meines Lebens diesen Geschmack verabscheut und als ich mit 17 die Bestellung bei Starbucks in London verrafft habe und versehentlich Chocolate Chip Banana mit Kaffee bestellte, habe ich das 5 Pfund Getränk geradewegs entsorgt und mich gefragt wer zur Hölle diese deliziöse Zucker-Fett-Mischung mit Koffeeingeschmack so dreist ruiniert. Aber wie das Leben so spielt, man fängt an zu studieren und zu arbeiten, bekommt ein Jahr lang jeden Morgen eine Dose Red Bull von der Chefin auf den Schreibtisch gestellt. Die überzuckerte Flüssigkeit mit dem Geschmack von klebrigem Kaugummi konnte mich morgens früh um 7 allerdings nicht überzeugen; das hatte sie nur gemischt mit Wodka in verschiedenen Clubs geschafft. Und natürlich nicht erst morgens um 7, sondern etwa sechs bis vier Stunden vorher und dadurch offensichtlich als Alternative disqualifiziert. Fast Forward und ich bin 27, falle morgens um 5 aus dem Bett um zu meinem ersten Kundenbesuch irgendwo in Deutschland aufzubrechen. Sammele die Kollegen ein, SBahn, IC, wieder SBahn, ausgespuckt in der Pampa ohne Taxen und dann mit einem netten Audi vom Kunden abgeholt. Müdigkeitslevel knapp unter Maximum, aber die Aufregung hält mich wach. Mini Fast Forward again, meine Präsentation ist vorbei, die Diskussion startet. Drei männliche Physiker und ich und damit keine gute Idee. Entweder zu Tode langweilen (hätten sie Chinesisch gesprochen, hätte ich mehr verstanden) und dabei einschlafen oder halt dann doch: Kaffee.

Anders verhält es sich mit dem Geruch von Kaffee. Bei sämtlichen Geburtstagen zu Kuchen riecht Tee nun mal weniger stark als die schwarze Flüssigkeit und in meinem Gedächtnis steht er deshalb für etwas Feierliches. In der Küche bei uns zu Hause roch es seit ich denken kann nachmittags regelmäßig nach Kaffee, natürlich einigermaßen umweltfreundlich aus einer Maschine, die Baumwollpads verwendet anstatt Plastikkapseln. Für mich hat Kaffeegeruch etwas Beruhigendes, er sagt mir dass alles in Ordnung ist, die Welt noch existiert und auch wenn ich kein Kind mehr bin, das Milch statt Kaffee trinkt, darf ich mich bei Kaffeegeruch doch unter Erwachsenen fühlen, die auf bewundernswerte Weise wissen, wie das Leben funktioniert, schließlich sind sie mit dem Kaffee so weit gekommen und werden es auch weiterhin tun.

Und wenn ich dann selbst mit der Kaffeetasse in der Hand am Tisch sitze, den so lange mit Sojamilch verdünne, bis er nur noch lauwarm ist, dann darf ich mir für ein paar wunderbare Augenblicke das Glück vor Augen führen, dass ich selbst jetzt zumindest ein bisschen weiß, wie ich durch das Leben komme; mich erwachsen und gleichzeitig geborgen fühlen darf und einige Sekunden damit verbringe, mich auf den leicht bitteren-milchigen Geschmack des Kaffees freuen darf. Funktioniert nicht nur in der Küche, sondern auch im Büro, unterwegs, selbst im Flieger. Da bestelle ich nämlich nie Kaffee, sondern Tee und Tomatensaft – aber der Duft vom Nachbarsitz reicht völlig aus.

 

The TEDxperience – Update

Update: Mittlerweile ist mein Talk auch online und zwar hier, auf www.ted.com.

Es war eine großartige Erfahrung und ich bin dem TED Team sehr dankbar für alles, was ich lernen durfte.

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Heute erweitert sich dieser Blog um noch eine weitere Kategorie: Neben meinen Reiseerfahrungen, Bildern und Stories wird es hier – möglicherweise einmalig – heute einen Erfahrungsbericht geben. Und zwar darüber, wie es war, einen TEDx Talk zu halten.

Für alle, die TED nicht kennen: unter www.ted.com kostenlos reinschnuppern, denn das Konzept der US-amerikanischen Organisation ist, kurze Vorträge, sog. „Talks“ über einen bunten Blumenstrauß an Themen mit Menschen aus aller Welt zu erarbeiten und online zu stellen. Stets im Mittelpunkt: Die Idee dahinter. Das Repertoire reicht von Wissenschaft über Comedy bis hin zur Psychologie und Persönlichkeitsentwicklung. Mit großer Auswahl an Übersetzungen und Untertiteln ist nicht nur für jeden etwas dabei, sondern auch sehr einfach verständlich. Mit dabei sind Meister ihres Faches, renommierte Experten und Menschen, denen man glaubt und folgt. Umso unwahrscheinlicher, dass ich, denn wer bin ich schon, mal zu diesem Kreis gehören soll.

Aber da kam sie, meine Chance, als mein Arbeitgeber beschloss, eine Kooperation mit TED aufzubauen, sog. TEDx Events. In dem Fall hat das TED Team die Speaker gecastet und ausgewählt und somit eine sehr spannende Auswahl zusammengestellt. Das ist auch im offiziellen TED Blog zu lesen, und zwar hier.

Nach einem Videointerview mit den Entscheidern bei TED hatte ich dann die entsprechende eMail in meinem Postfach, dass mein Talk am 26. November 2018 auf der Bühne des Staatstheaters Darmstadt zu sehen sein würde. Für mich als unverbesserliches Theaterfangirl direkt eine noch größere und wichtigere Sache und einfach unglaublich. Das war im Juni 2018. Jetzt ist der November fast vorbei und ich habe mittlerweile wieder genug Kraft, um hierüber zu schreiben. Denn ein TED Talk ist vor allem eins: Arbeit.

Das beginnt mit dem Schreiben des Talks, manifestiert sich in den Feedbackrunden, Änderungen, Verbesserungen, Verschlimmbesserungen und die große Frage, wie zur Hölle das alles im Kopf bleiben soll (denn die TED Speaker reden meist frei ohne Vortragskarten). Aber das wunderbare Team hinter der Orga hat uns so gut betreut, dass sich Schritt für Schritt alles auflöste. Nicht gerade in Wohlgefallen, aber es war zu schaffen. Auf dem Weg dorthin durfte ich so viele spannende Menschen kennenlernen, von TED selbst, aber natürlich auch die anderen Speaker. Das Theater oder besser gesagt dessen Backstagebereich hat mich geradezu umgehauen, inklusive vollem Programm wie Probewochenende, Hair and Make-Up Sessions, Nutzung der Räume, die eigentlich den Schauspielern vorbehalten sind und ich habe in meinem Leben noch nicht so viele Kabel gesehen.

Ich kann gar nicht mehr sagen, wie oft ich meinen Talk geübt habe. Natürlich ist es keine pure Abfrage, aber niemand will vor 900 Leuten auf einer Bühne stehen und den so hart einstudierten Text vergessen. Zu meiner Überraschung verließ mich meine Aufregung etwa drei Sekunden, bevor ich auf die Bühne ging (natürlich mit Ankündigung – scary!) und es war einfach nur extrem toll. Auf der Bühne, während des Talks selbst, lief ich irgendwie auf Autopilot, ich erinnere mich nicht mehr an alles. Es war mehr, als würde ich jemand anderem dabei zusehen, mein Kopf hat das ganz alleine gemacht und es war mit Sicherheit einer der tollsten Dinge, die ich jemals erleben durfte.

Je älter ich werde, umso mehr stelle ich fest, dass diese ganzen Sprüche, die sich mit „die innere Einstellung ist am Wichtigsten“ zusammenfassen lassen, wahr sind. An dem Punkt, an dem jeder Satz verinnerlicht ist, alles einstudiert ist und man diese gigantische Bühne betritt, ist das schlicht und einfach nur noch eine mentale Herausforderungen. Was wird man tun? Erstarren unter den Scheinwerfern, vor so vielen Menschen? Panik bekommen, die Bühne fluchtartig verlassen? Oder einfach auf den Punkt abliefern und eine Performance hinlegen, die selbst die Coaches überrascht? Bei mir war es Letzteres. Und nachdem ich bemerkte, dass das der Fall ist, hatte ich einfach nur noch gigantischen Spaß.

Und so bleibt nach einem intensiven Wochenende und Veranstaltungen außer einem immensen Schlafdefizit nur eines zurück: Dankbarkeit.

Und das Gefühl, etwas Unglaubliches getan zu haben.

Ich meine, selbst einen TED Talk halten.. hahaha.. Moment.. was?!

 

Alle Bilder Copyright Richard Hadley / TED
#TEDPossibility

PS: Natürlich dauert es jetzt noch ein paar Wochen, bis der fertige Talk online ist. Ich nehme an, mein Kleid muss noch faltenfrei retuschiert werden und das ist immens wichtig. Offensichtlich.

Cornwall oder Willkommen in der Realität

Versteht den Titel nicht falsch. Ich bin nach wie vor ein großer England-Fan und speziell Cornwall halte ich für ein wunderbares Urlaubsziel. Schon alleine die Tatsache, dass man kurze Bahnstrecken fahren kann mit der Prämisse „wenn du kein Ticket beim Einsteigen kaufen konntest, weil der Automat nur Ein-Pfund-Münzen nimmt, dann komm doch an deinem Ziel zum Tickethäuschen und kaufe es nachträglich“. Und das selbstverständlich komplett ohne Ticketkontrollen. Oder die Tatsache, dass sich einfach JEDER beim Verlassen eines Busses bei dem Busfahrer bedankt. Und sogar die Tatsache, dass auch Wanderwege und öffentliche Fußgängerrouten „umgeleitet“ werden, wenn temporäre Baustellen einen reibungslosen Fußmarsch unterbrechen würden. Ohne Umleitung geht es über jede Menge „private land“ und das nicht immer auf offensichtlichen Fußwegen. Ich musste tatsächlich mehrere Male Anwohner fragen, wo der Weg weitergeht weil es schwer zu erkennen war. foto

Während man in Deutschland lernt, dass man gefälligst von des Nachbarn Wiese und Grund wegzubleiben hat, ist es hier die größte Selbstverständlichkeit. Achtung: In Good old Germany hagelt es dafür wahrscheinlich nur empörte Worte, in den USA womöglich direkt Kugeln. Kleine aber dennoch feine Unterschiede, die auch einen „walk along the fields“ zu einem Abenteuer machen. Und ja, es geht dort an der Mauer hoch… die „Treppe“.

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Wenn ein Bus durch die Pampa fährt, dann hält der da, wo die Passagiere aussteigen wollen und manchmal stoppt er auch, wenn jemand winkt. Ob eine Bushaltestelle genau an dieser Stelle vorhanden ist – zweitrangig. Und dann springt auch die etwa 80jährige Dame auf die Straße, weil sie nach einer scharfen Kurve einsteigen möchte und dabei fast überfahren wird. Aber halt nur fast. Ein Bus, ich hatte extra die längere Route gewählt um mehr von der Landschaft zu sehen, hat auf einer engen Straße unvermittelt angehalten, genau vor der Einfahrt eines größeren Anwesens, einige Menschen standen im Hof. Nach etwa einer Minute riss sich eine der älteren Damen von der Konversation los und stieg mit einem etwa achtjährigen Jungen ein. Sie unterhielt sich kurz mit dem Busfahrer, der Junge setzte sich und schaute nicht mal auf, als die Dame den Bus wieder verließ. Er fuhr dann zur Endstation, also knappe 45 Minuten durch. Für mich war das stilvoller Frieden.

Was nicht ganz meinem Stilgefühl entsprach, waren außer den typischen einfach verglasten Fensterlösungen einmal mehr die Teppichbodenverlegerei. Keine meine Unterkünfte hatte Teppichboden im Bad, was vor 10 Jahren noch anders war und was ich somit als großen Fortschritt betrachte. Dafür verfügen sämtliche Restaurant-Pubs nach wie vor über diesen Bodenbelag, gerne in Dunkelrot. Fairerweise muss man sagen, dass man beim Betreten eines solchen Etablissements schon vorgewarnt wird, weil einem eine sehr starke Duftnote entgegenschlägt sobald man durch die Türen tritt. Klar, verstehe ich, schwer zu reinigen. Aber wieso tut ihr das, und das auch noch mit Vorbildfunktion für beispielsweise die USA, wo sich ganze Flughäfen mit dem zweifelhaften Bodenbelag arrangieren? Von den zwei Wasserhähnen, einer für eiskaltes und einer für heißes Wasser, will ich hier gar nicht erst sprechen, ich glaube, es wurde schon genug diskutiert und belächelt. Auf dieser Reise habe ich konsequent jeden Briten gefragt, wieso dem so ist und keiner wusste so wirklich eine Antwort darauf. Zwei Mal wurde der Verdacht geäußert, dass das früher wohl als „elegant“ („posh“, wobei ich dachte, dass das Wort eher negativ besetzt ist) angesehen wurde, einer der Befragten vermutet, dass das der einfachste Weg war, Wasserleitungen zu verlegen. Wie man die aber benutzt, ohne sich entweder die Pfoten abzufrieren oder zu verbrennen, konnte mir wirklich niemand sagen, noch nicht einmal einen Verdacht äußern. Keep calm and go on. Der gemeine Brite entwickelt da eine gewisse (gesunde) Gleichgültigkeit. (Und wenn ich sage gemein meine ich „der normale Brite“). Trotzdem möchte ich die ernst gemeinte Frage stellen: Wie kann ein Land, was die halbe Welt erobert hat, in manchen Aspekten so zurück sein? Irgendwie keine besonders positive Entwicklung. Aber ist vermutlich reine Ansichtssache.

Das andere größere Thema, über das ich hier berichten möchte, ist die Region an sich. Und damit meine ich nicht die Schönheit (Bilder folgen), die unglaubliche Freundlichkeit der Menschen (Beispiele folgen) und das wechselhafte Wetter (ein Axiom in England). Sondern dass das ländliche England überhaupt gar nicht wie London ist (nicht, dass ich das erwartet hätte). Denn Cornwall, so schön es auch sein mag, ist relativ arm. Verlässt man die absoluten Touri Städte (looking at you, St Ives) und die populären Ausflugsziele (Land’s End „Freizeitzentrum“; denke, die Bezeichnung kommt dem am nächsten) und setzt sich in Busse, die wirklich in verdammt noch mal jeder noch so engen Straße perfekt manövrieren können (Respekt!!!), bekommt man einen anderen Blickwinkel.

Klar, doppelt verglaste Fenster sind und bleiben natürlich die Ausnahme, aber es ist einfach vieles kaputt, steht leer oder ist ziemlich heruntergekommen. Was einst so schön erdacht und wahnsinnig würdevoll erbaut wurde, verliert Glanz und Gloria und sieht umso verlassener und trister aus. Dies in Kombination mit einem grauen Himmel kann schnell Fragezeichen auf die Gesichter der sonnenbrillentragenden Touristen zaubern. Ich denke der Trick ist, die Brille abzunehmen. Natürlich ist es eine sehr feine Sache, am Meer zu leben. Oder in der Nähe davon. Trotz oder gerade wegen des allumfassenden Nieselregens ist der Sand gelb-weiß, die Felder grün (keine Spur von verbranntem Gras wie in Deutschland diesen Sommer) und montags vormittags geht man surfen. Wer Kunst mag, kommt in St Ives voll auf seine Kosten (Tate Museum inklusive Aussicht aufs Meer mit einem Picasso und zahlreichen tollen Bildern, Skulpturengarten und viele kleine Galerien, die Kunstkurse anbieten, natürlich für den großen Geldbeutel).

Gefühlt besteht dieser Ort aber eben nur aus Touristen (gut, die Surfer sehen aus, als machen sie das schon eine Weile), was die Lage (Stränden von verschiedenen Seiten, direkt am South West Coast Path) und tolle kleine Cafés mit exzellentem Kuchen (Tipp: Butterscotch Cake im The Market Place) locker wieder wett macht.

 

Penzance hingegen kämpft nicht nur mit schlechterem Wetter (eine Woche lang Sonne in St Ives, grau in Penzance, vorbehaltlich der Möglichkeit, dass das nur Zufall war), sondern auch mit (nehme ich an) weniger Touris. Kommt man (zumindest im Oktober) auf die Idee, nach der Dämmerung sein B&B zu verlassen (so gegen 19 Uhr), findet man – nichts. Kaum noch Menschen auf der Straße, geöffnet haben nur noch einige Pubs und Supermärkte (Cafés schließen hier gerne um 16 Uhr oder allerspätestens um 17 Uhr. Und ich dachte, das wäre Tea Time!!). Locals erzählten mir, dass sich das im „richtigen Winter“, also im November und nach Weihnachten, noch mehr verstärkt und ich fragte mich, ob die Anzahl der Menschen auf den Straßen dann negativ sein würde. Falls dem so wäre, würde ich gerne wiederkommen und mir das anschauen.

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Trotzdem denke ich, dass ich jetzt diese ganze Brexit-Diskussion ein wenig besser nachvollziehen kann. Weg von „die dummen Briten“ hin zu „würde ich auch machen, wäre ich an ihrer Stelle.“ Eine Deutsche, die Jahre lang in der Nähe gelebt hat, brachte es treffend auf den Punkt: „Ich habe etwas Karriere gemacht und 50 Stunden die Woche gearbeitet. Aber alles, was ich mir leisten konnte, war eine Mietwohnung in der nicht ganz schlechtesten Lage und ein Auto. Ich war damit beschäftigt, über die Runden zu kommen. An Reisen war gar nicht zu denken. Ich habe existiert, aber nicht gelebt.“ Sie lebt heute wieder in Deutschland, reist viel und wohnt in Hamburgs Innenstadt. Die Spaltung der Gesellschaft scheint weit vorangeschritten. Der Mensch ist so veranlagt, dass er einen Grund für alles finden möchte und es ist nachvollziehbar, dass wenn so vielen Menschen in einer ähnlichen Situation sind, man nicht davon ausgeht, dass es am Individuum selbst liegt. Menschen wie die Brexit-Hardliner haben diese Sorge und Verwirrung über die finanzielle Situation ausgenutzt und die EU / Einwanderer als Auslöser postuliert. Und die Menschen haben ihnen geglaubt. Ich habe keinen meiner Hosts gefragt, wie sie zum Brexit stehen, immerhin ist das mein Urlaub und sie waren alle samt so freundlich, dass ich keine Diskussion starten wollte. Denn mittlerweile sehe ich die offensichtlichen Gründe und ich verstehe, dass die Macht daran, etwas zu ändern, beschränkt ist. Wenn dann scheinbar der „Ausweg“ geboten wird, kann man ihnen vorwerfen, dass sie ein vermeintlich besseres Leben wählen?

Ich bin immer noch Englandfan (und das beziehe ich bewusst nicht auf London – weil London nicht England ist!), und nächstes Jahr werde ich definitiv zurück kommen. Vielleicht nicht im Oktober, aber dafür sicherlich an einen der schönen Küstenabschnitte in Devon oder Dorset. Praktisch wäre ein Leih-Hund, denn in dieser Gegend gibt es gefühlt mehr Hunde als Kinder. Die Hunde sind meist sehr lieb, laufen in der Regel ohne Leine und kommen direkt neugierig auf einen zu (egal, was der Besitzer ihnen „befiehlt“). Ich persönlich mag Hunde prinzipiell schon, aber bin nicht der größte Fan davon, wenn man keine Wahl hat, ob man ihn streicheln möchte (keine Ahnung, wie oft meine Wanderhose angeschlabbert wurde). Aber da ein Hund schneller aufhört zu bellen als ein Kind zu schreien finde ich die Sache mit Hund statt Kind gar nicht so schlecht (zu meiner Verteidigung: schon mal im Bus gesessen, in dem ein Kind eine Stunde lang durchgeschrien hat? Da sind dann leider auch die teuren BOSE noise cancelling Kopfhörer chancenlos). Ich meine, ich verstehe dass Kinder wichtig sind für die Gesellschaft und so, keine Frage muss man da ab und zu auch mal Geschrei ertragen. Aber um Gottes Willen, liebe Eltern, eine Stunde lang?! Und sich dann wundern, wenn die Leute unfreundlich werden, über Kinder schimpfen und kinderfreie Hotels und Restaurants Hochkonjunktur haben? Klar braucht es Empathie gegenüber Kindern, aber alle anderen Menschen verlieren nicht einfach sämtliche Rechte, nur weil eine Mutter sich (weswegen auch immer) nicht dazu herablässt, ihr Kind zu beruhigen oder es wenigstens zu versuchen. Gegenseitige Rücksichtnahme ist ja wohl keine Einbahnstraße und niemand hat ein Problem mit einem Kind, was sich anständig verhält.

Der South West Coast Path wird immer eine ganz besondere Bedeutung für mich haben. Ich durfte den jetzt schon in sehr vielen Formen erleben, von der drei Meter breiten Strandpromenade über zwanzig Zentimeter breite gefräste Wege entlang den Klippen, über Treppen, Felsen, Brücken; durch Bäche, Schlamm, nur halbherzig gemähte Felder (es ist immer ratsam, lange Hosen und etwas für die Arme dabei zu haben), über Kuhweiden, Blumenwiesen und entlang Autostraßen. Trotzdem ist man nie weit weg von der Küste (und bekommt das mit ständigem Hoch und Runter auch zu spüren), kann die Wanderungen intensiv genießen (bei knapp 4 h für 8 km – und ich habe dabei noch viele Wanderer überholt…) und sollte wirklich schauen, wohin man seine Füße setzt (im besten Fall nur Kuhmist, im unschöneren Fall neben den Weg was einige Meter Fall bedeutet). Besonders spannend wird es nach dem Schild „Warning: unstable cliff“.

Im Oktober sind die Blumen rundherum abgeblüht, für Allergiker gut, für Blumenfreunde wie mich so semi-toll. Dafür lässt es sich größtenteils auch auf Insekten aller Art verzichten. Meine Lehre von dieser Wanderung: In Cornwall geht der SWCP extrem hoch und runter, hatte ich in anderen Gegenden (zB Torbay in Devon) nicht ganz so sehr. Trotzdem: Es geht immer weiter. Ist der Weg noch so steil und schwierig, er ist niemals so, dass man nicht weiter laufen kann. Ich gebe zu, wenn man an der Steilküste unterwegs ist und unerwarteterweise auf der Landseite ein sehr sehr tiefes Loch auftaucht und es damit also auf beiden Seiten zwanzig Meter in die Tiefe geht, wird einem schon mulmig. Das ist eine gute Gelegenheit, sich ein Herz zu fassen und weiter zu gehen, genau wie über die zahlreichen Treppenstufen, Mauern oder großen Felsen. Manchmal sieht man den Weg nicht direkt und muss erst suchen, wo es weiter geht. Fest steht nur: Es geht immer weiter. Der Trick ist, weiter zu laufen, auch wenn man skeptisch ist, keine Lust mehr hat oder schlicht und einfach ko ist. Die daraus erwachsene Zuversicht ist befreiend und vermittelt eine wunderbare Leichtigkeit und intensive Erholung (in meinem Fall). Nur sollte man halt echt keine Flipflop tragen, am besten immer ein paar Kekse einpacken und immer etwas mehr Zeit einkalkulieren (besagte 8 km seien in 1:54 h schaffbar, meinte google maps). Vielleicht war ich auch extrem langsam in meinen Turnschuhen, während viele andere in Wanderschuhen und mit Stöcken der Herausforderung begegneten. Es hat mich aber trotzdem niemand überholt.

Nun sitze ich in der Kaffeekette Costa Coffee, die ich sehr schätze. In London zieht es mich zwar immer eher zu Café Nero, aber hauptsächlich deswegen, weil ich bei meinem ersten Besuch dort eine Bonus Card bekommen habe und der sehr süße Verkäufer mir für ein Getränk sechs statt einem Stempel gab (bei 10 gibt’s einen Kaffee umsonst. Da habe ich schon einige von geschafft…). Natürlich ist auch bei Costa Coffee fast überall Teppichboden (aber zumindest nicht im Eingangsbereich à Fortschritt!), aber es ist das einzige Café, was bis 18 Uhr offen hat. Draußen sind es angenehme 17 Grad, während ich mich gerade bei gefühlten 12 Grad hoffentlich nicht tot friere. Klar, natürlich muss ein Café in einer Region in England, in der es im Sommer gewöhnlicherweise nicht wärmer als 25 Grad wird und keine Glasfronten hat, unbedingt eine super funktionierende, allzeit eingeschaltete Klimaanlage haben. Natürlich. Was habe ich mir gedacht. Und das führt mich zu meinem letzten Amusement, was ich kurz erzählen möchte: Kleidung. Mir war schon immer klar, dass die lieben Briten eher weniger als mehr anziehen. Ich habe vor einigen Jahren ein paar Monate in Nottingham (nähe Manchester) gearbeitet und da ging die gemeine Britin ausgiebig feiern. Zugegeben, es war August, aber nachts trotzdem bloß 12 Grad. Das Bild, was sich dem aufmerksamen Beobachter bot, war prinzipiell ähnlich: High Heels > 10 cm (von mir aus) mit Mädels, die darauf nicht laufen konnten (passiert, sehe ich ein). Aber dann eben ohne Strumpfhose im hautengen Minirock (sollen sie wegschauen, wenn es ihnen nicht gefällt, das sehe ich auch ein). Aber: Ohne Jacke (brrrrrrrrr!) – sonst müsste man womöglich ein Pfund für die Garderobe zahlen (Anmerkung: Ich habe gerade den Laptop im Café von dem Tisch auf meine Oberschenkel gestellt und genieße die leichte Wärme der Lüftung). Und hier, wenn ich auch nicht feiern gehe, bietet sich das gleiche Bild: Während Sarah mit (natürlich) langer Hose (ich habe außer meiner zippbaren Wanderhose gar keine kurze Hose / Rock oder Kleid mitgenommen), Pulli und ihrer Doppeljacke bekleidet ist, die meiste Zeit ihren Schal verwendet (ich reise niemals ohne Schal!) und zur Sicherheit noch eine Mütze (kurze Haare brauchen das manchmal) einstecken hat, bewegt sich der gemeine Brite oft mit knielanger Hose und T Shirt. Selbstverständlich ohne Jacke und gerne auch bauch- oder schulterfrei (oder beides) im weiblichen Falle. Zur ihrer Verteidigung tragen sie oft Baseball-Caps. Vielleicht ist das der Trick, weil man über den Kopf so viel Wärme verliert? Ich werde es nie erfahren, denn so werde ich mich hier sicherlich nicht bewegen. Mittlerweile ist meine Nasenspitze kalt und meinen Oberschenkeln hilft der Laptop auch nur noch bedingt. Aber was soll ich sagen – ich liebe England nun mal. Rule Britannia.

 

 

PS

Die letzten Tage hier werde ich am Meer verbringen, es folgt aber noch ein Highlight: Am Sonntag, 7.10., ist Doctor Who Premiere vom 13. Doktor (Achtung, Nerd-Alarm). Für Nicht-Fans: Doctor Who ist eine klassische britische Serie (produziert von der BBC seit 1963!!) in der ein „Timelord“ in der Zeit reist. Das bietet extrem viele Möglichkeiten (von Begegnungen mit Vincent Van Gogh, Agatha Christie und William Shakespeare bis hin zu spannenden Zukunftsszenarien bspw. in „New New York“ (ja, zwei Mal New) oder „Barcelona, dem Planeten“, Aliens, Kämpfe um das Universum, richtig toll geschriebene Feinde wie die Weeping Angels, Cybermen und Daleks, kurzum wunderbare Geschichten), bis die Hauptfigur „Der Doktor“ schließlich so schwer verletzt wird, dass er stirbt und „regeneriert“. Wenn das passiert, nimmt er eine neue Form an = anderer Schauspieler. Aufmerksame Leser erinnern sich an 13 – und ab Sonntag ist der Doktor nun zum ersten Mal eine Frau. Ich bin ohnehin der Überzeugung, dass es noch niemals so gut war am Leben zu sein wie jetzt – aber das gilt, so meine ich, unbedingt und vor allem für Frauen.

 

PSS – praktische Tipps

Unbedingt tun:

  • St Ives besuchen, vorzugsweise mit der Bahn von St Erth aus nach St Ives, Fahrt dauert nur etwa 15 Minuten aber ist ausgestattet mit absoluter „Vom-Hocker-Hau-Qualität“
  • Kein Essen an der Seafront, die Möwen können richtig unangenehm werden
  • Den South West Coast Path entlang wandern (von Poole bis Bude 600 Meilen Küstenwanderweg, die Auswahl ist also groß)
  • Mit Bussen fahren und gerne mal mit solchen, die länger brauchen. Man sieht tolle Landschaft und kann sich von den Künsten der Busfahrer beeindrucken lassen. Gegen die Scheibe schlagende Äste einfach ignorieren. Nicht vergessen, „thank you“ zu sagen, wenn man aussteigt
  • Preispolitik der Busse recherchieren: Ein Tagesticket kostet 12 Pfund, das für 6 Tage 25. Finde den Fehler (Handytickets funktionieren einwandfrei)
  • In St Ives das Tate Museum besuchen und im „The Market Place“ Kuchen essen
  • Cream Tea ausprobieren!!! ❤
  • Milch in den schwarzen Tee (English Breakfast) kippen. Ist unerwartet befriedigend und ersetzt energietechnisch gerne mal eine ganze Mahlzeit (gefühlt, nicht kalorientechnisch)

 

Sich gut überlegen:

  • Ein Auto zu mieten. Ich finde Linksverkehr sogar logischer als Rechtsverkehr (jo, ich bin halt komisch), aber die Straßen sind hier wahnsinnig eng und das Parken in den Städten ist extrem schwierig und wenn man Glück hat und man auf einem großen Parkplatz noch eine winzige Lücke findet, zahlt man mal eben 10-20 Pfund pro Tag
  • Chice statt bequeme Schuhe mitzunehmen. Auch die Orte sind sehr hügelig, es geht einfach immer hoch und runter, die Treppenstufen sind nicht gleichmäßig und man darf gerne mal durch Sand oder über Erde spazieren
  • Sehr günstige Unterkünfte buchen. Durch relativ niedrige Standards (besagte einfach verglaste Fenster, Teppichboden im Bad) kann man da schnell mal daneben greifen. Mein Tipp: Reviews anschauen, mit 70-100 € Nacht fürs DZ ist man meist gut dabei
  • Im Juli oder August kommen: Cornwall ist zur Hochsaison wohl wirklich anstrengend; ohne Tischreservierung abends geht da gar nichts, die Strände und der Coast Path müssen voll sein
  • Unterkünfte last minute buchen, insbesondere dann wenn man ohne Auto weniger flexibel ist, was die Lage betrifft. Selbst Anfang Oktober war St Ives recht voll und in Penzance ist es nicht anders.
  • Kalorien zählen – essenstechnisch ist man eher ungesund (aber meist lecker) unterwegs. Full English Breakfast, Fish and Chips und der wunderbare Cream Tea oder selbstgebackenen Kuchen, den es an jeder Ecke gibt.

 

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NZ: Sänk ju and goodbai.

Die letzten Tage hier haben sich ewig gezogen und sind doch super schnell vergangen. Und ehe man sich versieht, sind sechs Woche Reise vorbei. Einfach so. Und man fragt sich: Wie konnte das passieren? SECHS f* Wochen sind wie Wasser durch meine Finger geflossen. So lange und so riesig, eine große Sache so lange am Stück frei zu haben und plötzlich sind sie weg. Runtergezählt. Verflogen. Verlebt.

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Trotzdem ist es irgendwann genug. Nichts auf der Welt ist in Übermaßen gut. Oder zumindest ist mir noch nichts eingefallen. Wer was findet, darf sich gerne melden (und auch zu viel Geld ist nicht (!) gut, davon bin ich überzeugt – Beispiele gibt es genug). Und jetzt ist eben der Moment gekommen, dass diese Reise genug ist. Genug Abenteuer, oft genug Problemlöser und Weltentdecker gespielt, genug geschwitzt und gefroren, genug Sorgen gemacht und den Moment genossen. Oft genug für 25 € Euro pro Nacht übernachtet und dann wieder für das Zigfache. Genug Blogbeiträge, genug Fotos, genug Menschen getroffen. Genug Erinnerungen. „Genug“ ist ein seltsames Wort bei genauerer Betrachtung, bei häufiger Aussprache.

 

Was bleibt? Dank meiner Magen-Darm-Grippe zwischendurch inkl. Fahrt im Krankenwagen (habe ich in Deutschland noch nicht geschafft!) habe ich ein paar Kilos bei den Kiwis gelassen. Ansonsten habe ich stolze 4981 Bilder gemacht (Kamera und Handy Kombi), Abreisetag ausgenommen (da kommen von Cocktails und gutem Wein sicher nochmal einige dazu). Ich habe eine Unmenge Schokolade im Gepäck. Und ich weiß jetzt, dass ich problemlos links fahren kann, kein einziges Mal bin ich auf der falschen Spur gefahren, was ich mir so nicht zugetraut hätte. Klar, ab und an habe ich laut vor mich hingesungen, um mir Mut zu machen, wenn sich die linke Seite doch allzu falsch anfühlte und mich für dement / irre / bescheuert hielt. Ich durfte wundervolle Gastgeber kennen lernen und andere Reisende – und entscheiden, dass die Backpacker-Sache nicht meins ist und ich etwa hundert Jahre zu alt für Schlafsäle bin (B&Bs for the win – vielleicht war ich schon immer alt).

Ich habe frische Zuckerschoten aus dem Gemüsegarten gegessen und geholfen, Stiere auf andere Weiden zu treiben. Ich war unzählige Male in der Luft unterwegs, mit großen und kleinen Flugzeugen (Propellermaschinen haben was, genauso wie Viersitzer), Helikopter und dem Heißluftballon. Zu Wasser hat es auch funktioniert, per Schnellboot, Touridampfer und natürlich dem unvermeidlichen Schlauchboot. Und dazwischen hatte ich verschiedene Fahrräder und ganze drei Mietwägen (Jyn, Jillian und Kasimir – ja, ich gebe auch Mietwägen Namen! Und bin stolz drauf!!), die alle toll auf mich aufgepasst haben (auf Sandparkplätzen, Schotter, Schrägen, steile Auf- und Abfahrten und vor allem enge Parklücken). Air New Zealand habe ich zu schätzen gelernt, trotzdem will man manchmal einfach seine Haus- und Hofairline LH bemühen.

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Kasimir

Ich hatte Sehenswürdigkeiten stundenlang für mich alleine (Fotosessions ahoi!) und musste teilweise mit meinem Auto am Carpark anstehen bis ein Parkplatz frei wurde. Manchmal habe ich umgerechnet 100 € am Tag für Essen ausgegeben (the art of fine dining!) und an anderen Tagen gerade mal 5 € (Tütensuppen und zwei Mahlzeiten am Tag sind absolut ausreichend). Ich habe mich nach London zurückgesehnt, weil dort irgendwie alles einfacher und das Essen (in Chinatown) besser ist. Japanische Hiragana-Zeichen kann ich jetzt auch ein wenig und freue mich wahnsinnig auf meine nächste Japanreise. Und in meinem letzten Hotel, was hunderte von Zimmer hatte und hauptsächlich von Chinesen bevölkert war, habe ich mich durch die Sprache und Reis & Suppe zum Frühstück plötzlich wie „zu Hause“ gefühlt (Taiwan I love you). Aber ich schätze, das ist eben so, wenn man bei vielen Menschen an verschiedenen Orten der Welt ein Stück seines Herzens lässt. Neuseeland werde ich aber so schnell nicht wiedersehen, das fühlt sich wie ein Abschied an. Glücklicherweise gibt es noch viele andere Länder und Kulturen zu entdecken.

 

 

Fazit 1: Abenteuer sind anstrengend.

Fazit 2: Ich kann mich auf mich selbst verlassen.

Fazit 3: Dankbarkeit in Reinform.

 

NZ: Haus am See

„Und am Ende der Straße steht ein Haus am See.“*

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Lake Pukaki. Ein Wunder und gleichzeitig eine Welt für sich. Ich habe in den letzten Wochen viel Wasser gesehen, ob Meer oder Seen und irgendwann sieht alles gleich aus. Bis auf den Lake Pukaki. Mit wunderbarer Aussicht von meinem Zimmer auf dieses Naturschauspiel ließ sich komfortabel beobachten, wie schnell sich der Himmel verändert und die riesige Wasseroberfläche mit dem höchsten Berg Neuseelands, dem Mount Cook im Hintergrund, ist wahnsinnig facettenreich.

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Und für ein bisschen Posing in Eigeninteresse ist auch noch Zeit. Zur Abwechslung mal nur mit Hut ohne Rucksack, dafür mit glasklarem Wasser (nicht warm genug zum Schwimmen, aber wen stört das bei DER Aussicht).

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Ich könnte hier deswegen viel zu viele Bilder** hochladen und es fällt mir naturgemäß superschwer, die Auswahl zu begrenzen. Die Farben und Wolkenformationen waren einmalig und ich bin für diese Erfahrung wahnsinnig dankbar. Da hier so gut wie keine Lichtverschmutzung vorhanden ist, durfte ich eine Nacht lang Sterne beobachten. Leider ist meine Kamera sowie meine fotografischen Fähigkeiten zu schlecht für entsprechende Aufnahmen – aber ist es nicht so auf Reisen und im Leben, dass die besten Momente einfach nicht auf Fotos abgebildet werden können? Und das ist gut so.

PS: Ja, das ist eine Badewanne direkt am Fenster.

Und ja, es ist wirklich so gut, wie es aussieht.

Und nein, ich bereue nichts.

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*Nicht von mir. Von Peter Fox.

** Absolut nullkommanicht bearbeitet.

NZ: Ab in den Süden

Allerdings bedeutet „Süden“ auf der Südhalbkugel nicht, dass es wärmer wird. Prinzipiell sogar eher das Gegenteil, dafür geht dies aber mit mehr Ruhe im Vergleich zu der Abenteuerstadt Queenstown einher – von überfüllten Parkplätzen, auf denen man mit seinem Auto anstehen muss, mal abgesehen. Zurück am Meer zu sein hat ja auch immer seinen Charme; hier ist mehr Natur als Action zu finden. Außerdem Wasserfälle und schöne Aussichtspunkte.

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Und eine der wenigen Städte, die ich auf meiner Reise besuchte: Dunedin. Studentenstadt und gefühlt nach Schottland katapultiert, aber im Komplettpaket. Zuerst war der Akzent (finde ich) noch stärker als im restlichen Kiwiland, was mich an meine erste Reise nach Schottland erinnerte und ich in Glasgow kaum in der Lage war, einen Tee zu bestellen („Sorry, what did you say?“ .. und beim 3. Mal fragt man einfach nicht mehr sondern verlässt sich auf „Lächeln & Winken“). Zweitens das Wetter. Alle zehn Minuten gab es eine neue Kombination von verschiedem starken Regen und Sonne, die Temperaturen schwankten zwischen „es ist saukalt“ und „man, ich hätte eine kurze Hose anziehen sollen“. Außerdem war ich, wie in Edinburgh, in der Lage, mir bei grauem Himmel einen leichten Sonnenbrand im Gesicht einzufangen. Und last but not least – der Stil der Stadt. Der rote Doppeldeckerbus fuhr leider zu schnell an mir vorbei, dass ich ein Bild hätte machen können und ich war ehrlicherweise auch mit einem Lachanfall beschäftigt. Und bei knapp 19 000 km nach Edinburgh ist das doch quasi ein Katzensprung. Ach ja, und Gärten können sie im Commonwealth einfach, egal ob England, Schottland, Australien, Hong Kong oder Neuseeland.

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NZ: The Ballooning

Ein weiteres Highlight meiner Reise war das Hot Air Ballooning zum Sonnenaufgang. Es war saukalt (wer hätte gedacht, dass wenn die Tagestemperaturen bei 25 Grad liegen, es morgens um 5 gerade mal 6 Grad plus Wind hat???) und da ich für ein paar Tage äußert ökonomisch in einem Hostelschlafsaal übernachtet hatte, war ich auch dezent übernächtigt. Egal, gebucht ist gebucht und da ich auch schon immer mal eine Ballonfahrt machen wollte, gleich doppelt spannend.

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Im Endeffekt ist es gar nicht so spektakulär, man fängt plötzlich an zu schweben und fertig. Der Brenner spendet wohlige Wärme und abgesehen von ein paar Klischeeamerikanern, die nach besten Manieren VOR dem Betreten der Waage um das Gewicht für den Ballonkorb zu berechnen, sämtliche Rucksäcke, Taschen und schwere Jacken ablegen, lief auch alles recht vernünftig ab. Praktischerweise hatten sie 2 Ballons, welche gar nicht so weit auseinander flogen, sodass sich perfekte Fotogelegenheiten anboten.

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Fazit: Für meinen Bedarf etwas zu wenig Action (Geschwindigkeit, Krach, Kraft – ich ziehe doch kleine Flugzeuge oder Helis vor), aber wunderbare Ausblicke und ein super Erlebnis.

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