Dreiminutenglück: Kaffeeduft

Das Dreiminutenglück könnte auch „Das kleine Glück“, „Momente der Dankbarkeit“ oder „Etwas Positives in einer Welt, in der meist nur Negativschlagzeilen eine Überschrift wert sind“ heißen. Tut es aber nicht. Denn davon abgesehen, dass diese Alternativen oft gebraucht oder zu lang sind, könnten sie nicht ausdrücken, dass Du zum Lesen des Glück-Textes nicht länger als drei Minuten benötigst. Überleg mal: Wie viele Minuten deiner Zeit wendest du am Tag dafür auf, dich mit all den Schlagzeilen vertraut zu machen? Und wie viel Erfreuliches ist dabei? Genau. Und hier gibt es drei Minuten Glücksmomente aus dem Alltag, weil es die kleinen Dinge sind, die uns glücklich machen und die großen Momente viel zu rar sind, als dass sie uns auf einer zuverlässigen Euphoriewelle durch das Leben tragen können. Von einem Highlight zum nächsten zu kommen ist zwar ein Bilderbuchglückrezept, aber wenn man ehrlich ist, ziemlich unrealistisch. Leider.

Man hat nun also zwei Möglichkeiten: Sich entweder darüber beschweren, dass dem so ist. Oder sich eben auf das alltägliche Glück zu fokussieren. Und das kann dann ab und zu tatsächlich so überwältigend wunderbar sein, dass es sich wie das ganz große Glück anfühlt. Aber genug des Sinnierens: Hier kommt das Dreiminutenglück Pt. 1.

 

Kaffeeduft

Ich war noch nie Fanclubvorsitzende eines Kaffeevereins. Eigentlich habe ich die ersten 27 Jahre meines Lebens diesen Geschmack verabscheut und als ich mit 17 die Bestellung bei Starbucks in London verrafft habe und versehentlich Chocolate Chip Banana mit Kaffee bestellte, habe ich das 5 Pfund Getränk geradewegs entsorgt und mich gefragt wer zur Hölle diese deliziöse Zucker-Fett-Mischung mit Koffeeingeschmack so dreist ruiniert. Aber wie das Leben so spielt, man fängt an zu studieren und zu arbeiten, bekommt ein Jahr lang jeden Morgen eine Dose Red Bull von der Chefin auf den Schreibtisch gestellt. Die überzuckerte Flüssigkeit mit dem Geschmack von klebrigem Kaugummi konnte mich morgens früh um 7 allerdings nicht überzeugen; das hatte sie nur gemischt mit Wodka in verschiedenen Clubs geschafft. Und natürlich nicht erst morgens um 7, sondern etwa sechs bis vier Stunden vorher und dadurch offensichtlich als Alternative disqualifiziert. Fast Forward und ich bin 27, falle morgens um 5 aus dem Bett um zu meinem ersten Kundenbesuch irgendwo in Deutschland aufzubrechen. Sammele die Kollegen ein, SBahn, IC, wieder SBahn, ausgespuckt in der Pampa ohne Taxen und dann mit einem netten Audi vom Kunden abgeholt. Müdigkeitslevel knapp unter Maximum, aber die Aufregung hält mich wach. Mini Fast Forward again, meine Präsentation ist vorbei, die Diskussion startet. Drei männliche Physiker und ich und damit keine gute Idee. Entweder zu Tode langweilen (hätten sie Chinesisch gesprochen, hätte ich mehr verstanden) und dabei einschlafen oder halt dann doch: Kaffee.

Anders verhält es sich mit dem Geruch von Kaffee. Bei sämtlichen Geburtstagen zu Kuchen riecht Tee nun mal weniger stark als die schwarze Flüssigkeit und in meinem Gedächtnis steht er deshalb für etwas Feierliches. In der Küche bei uns zu Hause roch es seit ich denken kann nachmittags regelmäßig nach Kaffee, natürlich einigermaßen umweltfreundlich aus einer Maschine, die Baumwollpads verwendet anstatt Plastikkapseln. Für mich hat Kaffeegeruch etwas Beruhigendes, er sagt mir dass alles in Ordnung ist, die Welt noch existiert und auch wenn ich kein Kind mehr bin, das Milch statt Kaffee trinkt, darf ich mich bei Kaffeegeruch doch unter Erwachsenen fühlen, die auf bewundernswerte Weise wissen, wie das Leben funktioniert, schließlich sind sie mit dem Kaffee so weit gekommen und werden es auch weiterhin tun.

Und wenn ich dann selbst mit der Kaffeetasse in der Hand am Tisch sitze, den so lange mit Sojamilch verdünne, bis er nur noch lauwarm ist, dann darf ich mir für ein paar wunderbare Augenblicke das Glück vor Augen führen, dass ich selbst jetzt zumindest ein bisschen weiß, wie ich durch das Leben komme; mich erwachsen und gleichzeitig geborgen fühlen darf und einige Sekunden damit verbringe, mich auf den leicht bitteren-milchigen Geschmack des Kaffees freuen darf. Funktioniert nicht nur in der Küche, sondern auch im Büro, unterwegs, selbst im Flieger. Da bestelle ich nämlich nie Kaffee, sondern Tee und Tomatensaft – aber der Duft vom Nachbarsitz reicht völlig aus.