Rote Bohnen

Auszüge hier veröffentlicht bei circa 8:50 min.

Das Flugzeug hatte sie und einige hundert Menschen einfach dort ausgespuckt. Irgendwo zwischen Deutschland und dem Ende der Welt, 9000 km weit weg von zu Hause. Ohne Orientierung zwar, aber zumindest mit einer Adresse, sorgsam niedergeschrieben in der lokalen Sprache. Luftfeuchtigkeit und Hitze hatten ein erstes Begrüßungskomitee gebildet. Durch die unverständlichen Schriftzeichen und die schwierige Kommunikation mit dem Taxifahrer, zog ein Unbehagen herauf wie Gewitterwolken am blauen Himmel. Entweder, man beherrschte die Sprache oder konnte sein Reiseziel schriftlich in Landessprache vorlegen. Zumindest Letzteres brachte sie fertig. Und unterschätzte danach nie wieder den Nutzen von Visitenkarten, sammelte sie auf Papier oder per Screenshot. Das tat sie natürlich nie zu Hause, aber zumindest hier, in diesem Land. Wo hier ist? Hier ist in Taiwan und zwar Taiwan wie Taiwan und nicht wie China. Und auch nicht wie Thailand, denn Elefanten gibt es hier keine. Strände zwar schon, aber die Küstenlinie besteht bevorzugt aus Steilklippen, Felsen oder Häfen. Ganz im Süden, unweit der Philippinen, da gibt es Sandstrände. Aber wer Taiwan besucht, kommt nicht deswegen. Wieso also war sie hier? Vielleicht, um ein Stück Asien zu entdecken, ein demokratisches China zu erleben oder möglicherweise der Kulinarik wegen. Sie ließ sich von allem begeistern, kostete ausgiebig die taiwanesische Küche und lernte dabei eine ganz neue Bandbreite an Geschmacksrichtungen kennen. So biss sie nach wochenlangem Aufenthalt freudig in das Teigbällchen, was sie anfangs noch mit großem Misstrauen gen Tellerrand geschoben hatte. Wie bei Menschen auch, sieht man den dampfnudelartigen Leckereien auf den ersten Blick nicht an, was in ihnen steckt. Es besteht also nicht nur die Möglichkeit der Begegnung mit etwas völlig Unerwartetem, sondern sogar eine hohe Wahrscheinlichkeit. Dabei muss noch nicht einmal das Gerücht von Hund und Katze bemüht werden, denn das Spektrum reicht von scharfem Schweinefleisch bis hin zu pappsüßer Vanillecreme. Hätte sie Schulnoten verteilen müssen, wäre das wohl so ausgegangen: Größe der Auswahl: Note 1 mit Sternchen. Qualität: Meistens eine solide 2, ab und zu Abweichungen, in der Regel nach oben. Appetitstillend: Je nach Größe und Anzahl eine 2-3. Berechenbarkeit: Für einen nicht-einheimischen nicht existent. Daher: Durchgefallen. Schnell wurden die Exemplare mit einer Füllung aus roten Bohnen zu ihrem persönlich Kryptonit. Bis dato nicht probiert, aber allein davon abgeschreckt, dass diese zum süßen anstatt zum deftigen Kreis zählten, versuchte sie stets, diese zu vermeiden. Dann aber änderte sich die Gesamtsituation und folglich auch die kulinarische Bandbreite: Sie ließ sich von den Locals in eine neue, magisch anmutende Welt entführen. In eine Welt, in der als kalt angepriesenes Wasser mindestens Raumtemperatur hat, Suppe und Reis zum Frühstück serviert und wann immer möglich drei warme Mahlzeiten am Tag verspeist werden. Unvorstellbar war für sie gewesen, diese Ernährungsweise in Deutschland beibehalten zu wollen: Jeden Tag, den sie mit einer dampfenden Suppe begann, konnte nur gut werden. Zum Mittagessen begegnete sie auch gerne mal einem Rätsel, beispielweise in der Kantine: Einmal in Form eines schnitzelgroßen Fleischstückes, was nur mit Stäbchen zu verspeisen war. Ehrlicherweise ratlos fragte sie ihre Kollegen um Hilfe, die amüsiert wissen wollten, ob Deutsche denn keine Zähne besäßen. Der wachsenden Verwirrung Einhalt gebietend, erbarmte sich ihr Tischnachbar und demonstrierte mit einem Schnitzel in ähnlicher Größe, dass „hineinbeißen und den Rest fallen lassen“ zu den landesweit akzeptierten Tischmanieren zählte. Und das vermutlich nicht nur dort, sondern auch in China. Als unabhängiger Inselstaat ist Taiwan durch 180 km südchinesischen Meeres von dem Kontinent getrennt. Das ist wahrscheinlich ausreichend Distanz, um eigene Gewohnheiten und landestypische Spezialitäten zu entwickeln, aber womöglich zu wenig, um riesige Unterschiede zu manifestieren. Trotzdem ist Taiwan nicht China. Um von Europäern als eigenständiges Land und insbesondere Reiseziel wahrgenommen zu werden, reicht es oft nicht. Taiwan, so hörte sie, ist für viele Leckereien bekannt: Da ist der taiwanesischen Bubble Tea, der in Deutschland einen Sommer lang beliebt war. Tee mit Milch zu mischen war und ist ihrer Meinung nach eine tolle Idee, wenn der dann noch mit Kügelchen aus Yams-Wurzeln verfeinert wird, kommt die Mischung der Perfektion ganz nahe. Als Konsument kann man aus schier endlosen Kombinationen wählen und dabei sowohl Temperatur, als auch Süße bestimmen. Das Getränk ersetzt appetittechnisch eine ganze Mahlzeit – wären da nicht so viele andere Leckereien zum Ausprobieren. Taiwan ist auch bekannt für stinkendes Tofu. Aber es ist noch viel bekannter für Dumplings, die taiwanesische Antwort auf die schwäbischen Maultauschen. Dünner Teig umwickelt köstliche Füllungen, die Krabbenfleisch, Schweinefleisch oder gar die Mischung von beidem enthalten. Verspeist werden sie in Chilisauce oder klassischem Essig-Soja-Dip. Ab und an fand sie den westlichen Geschmack wieder, spätestens als sie plötzlich auf Trüffel biss. In Kombination mit der herzerwärmenden Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Taiwanesen, die allen Sprachbarrieren trotzt, ist ein Besuch in der bekanntesten Restaurantkette erst dann vollkommen, wenn die Kellner den Besucher so oft darauf hinweisen, dass er viel mehr bestellt hat, als er essen kann, bis der nachgibt und seine Bestellung halbiert. Die Kombination von Kapitalismus und Kundenfreundlichkeit hat sie nachhaltig beeindruckt. Aber auch abseits der Nahrungsaufnahme gibt es noch jede Menge Erstaunliches. So wird der Müll regelmäßig von Müllwägen abgeholt, die ihr Erscheinen mit Beethovens „Für Elise“ ankündigen. Mülltonnen existieren keine. Aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit ist das eine geruchsarme und praktische Entsorgungsmöglichkeit. Fährt der Wagen vor, eilen die Anwohner mit ihrem Abfall hinunter auf die Straße. Die Müllmänner und -Frauen achten penibel auf die korrekte Trennung der Abfälle: So müssen selbst Essensreste in zwei Kategorien, gegart und roh, aufgeteilt werden. Wer sich nicht daran hält, wird seinen Müll nicht los. Einfach, aber wirksam. In derselben Liga sieht sie die Möglichkeit, Restaurantreservierungen und Arzttermine online zu buchen. Und zwar nicht über deren Webseiten, sondern ganz bequem über das taiwanesische What’s App. Man kann darüber auch mit der Regierung kommunizieren, bekommt Sturmwarnungen direkt auf sein Smartphone oder vereinbart mit seinem Fitnessstudio den nächsten Trainingstermin. Ein letztes Beispiel aus der Serie „Einfach, aber wirksam“ sind die sogenannten Convenience Stores. Für sie als Fremde waren diese wahnsinnig praktisch, denn sie sind rund um die Uhr geöffnet und außer verpackten Lebensmitteln und warmem Essen gibt es hier auch Wifi, kostenlose Toiletten und Geldautomaten. Außerdem kann die Geldkarte für den Nahverkehr aufgeladen werden, die wiederum auch in den Convenience Stores und in Bäckereien als Zahlungsmittel genutzt wird. Bargeldlos. Zug-, Lotterie- und Veranstaltungskarten hat sie zwar dort nicht gekauft, hätte sie aber tun können. Sie hat Dokumente drucken und sich ein Taxi rufen lassen. Convenient eben. Und der Beweis, dass unterschiedliche Länder verschiedene Lösungen für die Probleme des Alltags entwickelt haben.

Sie empfindet es als Privileg, ein neues Land kennen lernen zu dürfen. Insbesondere dann, wenn die Unterschiede auf den ersten Blick größer scheinen als die Gemeinsamkeiten. In Mandarin, demjenigen Dialekt der chinesischen Sprache, der in Taiwan hauptsächlich gesprochen wird, existiert die Formulierung „aus dem Rahmen springen“. Es geht darum, etwas Neues zu entdecken. Es ist ihr nicht leichtgefallen, den Mut zum Sprung aufzubringen. Aber sie hat es getan und damit reale als auch imaginäre Grenzen zum Verblassen gebracht. Die leuchtende Weite an Möglichkeiten ließ sie beinahe erblinden. Wie kann das sein, fragte sie sich. Wieso sind Menschen, die lateinische Buchstaben erst im Alter von etwa acht Jahren lernen, Reis wenn möglich zu jeder Mahlzeit verspeisen und viel Geld für hautaufhellende Cremes ausgeben, ihr ähnlicher, als diejenigen, mit denen sie aufgewachsen ist? Man ist doch so unterschiedlich, hier Taiwan, dort Deutschland, zwischendrin die halbe Welt. Geschichte, Kultur, Herausforderungen. So anders in jedem Aspekt. Nein, sagte eine Stimme in ihrem Kopf, das ist nicht wahr. Alle Menschen haben Träume. Alle Menschen haben den gleichen Gesichtsausdruck, wenn sie verliebt sind. Alle Menschen haben rotes Blut. Also eigentlich überhaupt nicht anders. Aber sie hat die Wahl: Gemeinsamkeiten betonen oder Unterschiede. Sich differenzieren oder verbinden, wie beispielsweise durch die landestypische Küche: In Deutschland isst man Bohnen als deftige Speise, in Taiwan genießt man sie als Nachtisch. Aber in beiden Ländern schätzt man sie. Rote Bohnen haben ihr geholfen, ihre Vorurteile zu überwinden. Das hat sie reich gemacht. Nicht nur kulinarisch, sondern auch über den Tellerrand hinaus.

 

 

Die Reise

Unaufhörlich schweben die dicken Schneeflocken gen Erde und befehlen der Kälte, durch die Fensterschlitze hineinzukriechen und sich in dem warmen Raum einzunisten. In wenigen Stunden wird das noch warme Zimmer infiziert sein, das Leben darin wird verblassen bis es schließlich ganz zu entschwinden droht.
Der Prozess tropft dahin, tarnt sich in der Langsamkeit des Seins für das bloße Auge unsichtbar. Den Fall der Schneeflocken zu beobachten, versuchen sie zu zählen und trotz des hundertfachen Scheiterns nicht den Mut zu verlieren, ist ein möglicher Zeitvertreib. Schneller als befürchtet entdeckt die Kälte einen Zugang zu dem Zimmer, den sie über lange Zeitabschnitte nutzen wird.
Der Mensch, der sich nichtsahnend darin aufhält beginnt zunächst zu frösteln, zu frieren, schließlich zu zittern, zu schreien und irgendwann um Wärme und Hilfe zu strampeln. Am Ende tritt Stille ein. Wieso die Kälte sich unbedingt Zutritt verschaffen will, ist nach wie vor ein Geheimnis.
Greift sie willentlich an?
Wählt sie sich die Zimmer mit den Menschen darin höchstpersönlich aus?
Wenn ja, anhand welcher Kriterien?
Wir könnten sie fragen:
Was willst du hier?
Was willst du von mir?
Lassen Sie sich nicht von falschen Hoffnungen mitreißen, sie wird auf solche Fragen niemals antworten. Schweigt sich aus darüber, verurteilt den Fragenden dazu, in alle Ewigkeit eine Antwort zu erbetteln oder sich selbst eine zu schneidern.
Menschen sprechen nicht gerne über die Kälte, ja geben manchmal sogar vor, dass sie noch keine Bekanntschaft geschlossen hätten mit ihr, allerhöchstens im Nachbarzimmer einen wachsenden Schatten bemerkt zu haben.
Aber da er weit entfernt ist von dem eigenen Raum, gilt das Entsetzen anstatt des eigenen Eingreifens als völlig hinreichende Reaktion. Kein Verbrechen begangen, der Bequemlichkeit Genüge getan. Lange Reihen bilden sich vor Geschäften, um wärmere Mäntel, größere Hüte und dickere Handschuhe zu erstehen.
Wieso versteckst du ein Zeugnis deines Sieges tief in deinem Schrank? Wir sind peinlich berührt, tauschen uns nicht aus, kämpfen also alleine. In den ersten Jahren nach dem Überfall der Kälte auf mein Zimmer sah es gut für sie und schlecht für mich aus, denn egal welchen Mantel ich mir umlegte, er wärmte mich nur für die Dauer eines Wimpernschlags.
Mützen habe ich aus dieser Zeit mehr als ich tragen kann, sie waren hilfreich um die Kälte zu verstecken. Vor mir selbst und vor den neugierigen, mitleidigen und abwertenden Blicken der Menschen, die ich einst für gut hielt.
Verschiedene Farben drücken Stilsicherheit aus und manifestieren ungewollt eine Sorglosigkeit, die mich erschreckt. Ozeanblau, Sonnengelb, Karminrot. Wo ich diese erstanden hätte? wollen sie wissen. Sie seien so wunderschön, die bunten Farben so optimistisch vor dem grauen Februarhimmel.
Die Kälte ist weiterhin auf dem Vormarsch, der Spiegel wird zu meinem Todfeind, verbündet sich mit den meisten Menschen, auch den Unbekannten oder den losen Bekanntschaften. Ich bin von der Kälte infiziert, das können sie sehen trotz all meiner Versuche, es zu verstecken.
Zu keiner Sekunde ruhen die feindseligen Blicke. Die Kälte selbst erweist sich nicht als so gnadenlos wie sie, denn sie lässt mich ihre Anwesenheit wenigstens ab und zu ignorieren. Stell dich nicht so an, verlangen sie, es ist doch nur dein Kopf.
Die Kälte hat mich mittlerweile umzingelt, nach zu langem Kampf ergebe ich mich und es ist eine Erleichterung, wieder atmen zu dürfen. Verlasse endlich meine Welt. Die Kälte wird zunehmend frostiger, denn wenn man offensichtlich infiziert ist, legt sie mit dieser Wahrheit noch zu:
Sie zieht ihre Kraft zusammen, sammelt sich, baut sich auf, um dann unter Getöse zu brechen, alles in ihrer Nähe zu überschwemmen mit einer stinkenden Brühe aus falscher und echter Anteilnahme, spitzen Bemerkungen und insbesondere den gut gemeinten Ratschlägen, sich besser gleich und vollständig der Kälte zu ergeben weil ein solches Leben nicht lebenswert ist.
Sie urteilen über mein Leben und verleihen ihm die Auszeichnung „nicht lebenswert“. Sie wissen nicht, dass die Kälte irgendwann nach uns allen greift und früher als später auch sie erwischt. Meine Mütze, Mantel und Schal liegen längst auf der Garderobe bereit.
Ich verharre also zunächst in der Kälte, verweile aber nicht für immer in ihr, treffe die bewusste Entscheidung, sie loszulassen. Finde Halt in einer, anderen, meiner Welt: Bunt, verrückt und wunderbar. Ein Ozean kann dutzende, vielleicht sogar hunderte verschiedene Töne annehmen, genau wie der Himmel, Wälder oder ganze Landstriche sind sie voller Farben und Möglichkeiten, die den Beobachter schon nach wenigen Sekunden in Jubel singen lassen.
Grau ist Vergangenheit. Es ist verrückt so laut zu sprechen, dass Tausende zuhören, ohne Text und nach dem freien Fall auf den eigenen Füßen zu landen. Und an jeder Ecke dieser Erde Menschen zu treffen, die so sind wie das eigene Selbst. Verbindungen mit Fremden, die nach wenigen Minuten bedeutender sind als Freundschaften, die zwanzig Jahre lang existiert haben.
In meinem Zimmer habe ich eine Heizung entdeckt. Ich glaube, sie war schon immer da aber ich habe sie nie zuvor gesehen. Sie war verdeckt von den Regeln der früheren Welt. Ich hoffte immer, dass sie existiert. Aber ich dachte nie, dass ich einfach nur die Hand ausstrecken muss um sie zu erreichen.
Natürlich drehe ich manchmal die Heizung voll auf und dichte die Fensterschlitze ab, bis mir der Schweiß von der Stirn rinnt. Ab und an funktioniert sie nicht oder ich vergesse sie einzuschalten. Dann klopft die Kälte wieder an und ich bitte sie zum Tee herein. Manchmal lüfte ich und gehe auch hinaus.
Mein Ziel fest vor Augen, gibt es nun nichts mehr, was mir Löcher in meine Seele brennt. Wieso sollte ich verzagen? Mein Zimmer wartet schließlich auf mich. Die Kälte hat mich verändert. Sie hat mir beigebracht, dass ich selbst meine Welt erschaffen kann. Sogar erschaffen muss.
Dass der Mut dazu in mir ist, zwar tief verborgen, aber stets vorhanden. Dieser Welt darf ich meine Regeln zugrunde legen. Hätte sich die Kälte nicht wie zufällig mein Zimmer ausgesucht, lebte ich nach wie vor in einer Welt deren Regeln mir niemals sinnvoll erscheinen werden.
Sie hat mich davor gerettet. Wir sind jetzt Freunde, die Kälte und ich. Wenn sie mich wieder angreift, bin ich zuversichtlich: Meine Siegesgewissheit stapelt sich bis unter die Decke. Und das ist sogar so hoch, dass ich gerne am Fenster sitze und dem blütenweißen Zauber zusehe, der die Erde in ein weißes Kleid hüllt.
Wir sind jetzt Freunde, die Kälte und ich. Am Samstag gehen wir zusammen ins Kino. Und weil die Kälte und ich jetzt Freunde sind, werden wir nach dem Film die ganze Nacht durchfeiern, während es draußen unaufhörlich schneit.

Realität Delphi

„Aber was ist Gerechtigkeit? Gerechtigkeit ist nicht, wenn die Politik von Konzernen regiert wird. Unsere Bedürfnisse, die des Bürgers, rücken komplett in den Hintergrund. Wieso? Ganz einfach: Das Geld ist ihr einziges Interesse.
Die Demokratie ist so weich wie Kürbisfleisch und wird mit stumpfen Löffeln ausgehöhlt. Wir werden dem Gott des Geldes geopfert.“ Sein Blick schweifte im Raum umher, zweihundert Zuschauer wurden von einer unruhigen Aufmerksamkeit erfasst. „Aber es sind nicht nur wir selbst, es sind auch und vor allem unsere Kinder.“
Nacheinander fixierte er einige Zuhörer und holte Luft. „Niemand von uns ist frei in einer so ungerechten Welt. Niemand wird es jemals wieder sein, denn Freiheit bedeutet, sein Leben selbst zu bestimmen. Dazu sind wir schon lange nicht mehr in der Lage. Niemand von uns.“
Er schluckte. „Aber heute ist es genug. Heute wehren wir uns gegen das Geld. Zusammen können wir es ändern!“ Sophia zwang sich dazu wegzuhören, sodass sie sich auf den Zuschauerraum konzentrieren konnte. Der emotionale Teil der Ansprache würde gleich beginnen, er löste schnell Tumulte aus: Die Wut darüber, wie gnadenlos das Schicksal der Menschen besiegelt wurde, erreichte immer wieder ungeahnte Höhen.
In ihrem Headset knackte es. „Hier alles in Ordnung“, hörte sie die Stimme eines Kollegen aus der anderen Ecke des Raumes. Routiniert ließ sie ihren Blick über die Bühne wandern, wo David nebst zwei Bodyguards sprach.
„Hier auch“, erwiderte sie, behielt die Zuschauermenge trotzdem im Blick. „… schlechte Luft und jede Menge Verkehrstote, nur um der Automobilindustrie zu noch größeren Gewinnen zu verhelfen. Wir werden todkrank gemacht, während sie Champagner auf ihren Jachten schlürfen!“
Gemurmel brach aus und Sophia fühlte Adrenalin ihren Körper alarmieren. Gleich würde es beginnen. „… waren uns die Roboter, die mit künstlichen Intelligenzen ausgestattet sind, immer eine große Hilfe. Aber: Sie machen uns überflüssig! Die Hälfte der Bevölkerung wurde arbeitslos, weil Roboter die billigere Lösung sind. Und wir werden von der Grundsicherung gerade so am Leben gehalten, weil es ein Skandal wäre, wenn sie uns verhungern ließen. Müssen wir damit im Jahre 2035 zufrieden sein?“
Einige aggressive Zwischenrufe machten Sophia nervös. David blieb nichts anderes übrig, als seine Rede lautstark fortzusetzen. Sie blickte alarmiert auf, als plötzlich drei weitere Personen den Raum betraten, der eigentlich seit dem Beginn der Rede abgeriegelt war.
Sie hechtete auf die Bühne und riss David zu Boden. Ihre Intuition hatte sie nicht getäuscht, denn Sekunden später pfiffen Kugeln durch die Luft. „Plan Delphi!“, brüllte sie in das Headset, aber die Geräuschkulisse verschluckte jede Antwort. David war unverletzt, trug aber im Gegensatz zu ihr keine kugelsichere Weste. Verdammte Imagegründe.
Sie krochen zum hinteren Rand der Bühne und Sophia half David hinunter, folgte ihm und sie verharrten in der Deckung. Kaum war sie sicher, dass er unverletzt war, spähte sie vorsichtig in den Raum: Die meisten Zuschauer waren geflüchtet und ihr Sicherheitsteam lieferte sich Schusswechsel mit den Angreifern.
Unauffällig verließ sie mit David das Geschehen, die beiden huschten in den Hinterhof, wo der Fahrer auf sie wartete. Sophia ließ ihn zuerst einsteigen, sprang dann ebenfalls in das Fahrzeug, was sich zügig entfernte. Die Augen geschlossen hatte sich der Politiker zurückgelehnt und bevor sie ein Gespräch beginnen konnte, bekam sie eine Meldung über das Headset. „Alle drei Angreifer sind eliminiert.“
Er wirkte nicht so erleichtert wie erwartet. „Ich verstehe.“ Kurze Stille. „Das war knapp“, ließ er sich dann doch zu einem Kommentar hinreißen. Sie schüttelte den Kopf. „Ich hatte damit gerechnet. In einer kaputten Welt wie unseren muss man mit solchen Aktionen rechnen.“
David seufzte schwer. „Ich frage mich wirklich, ob es das alles wert ist.“ Aufmerksam sah sie ihn an. „Natürlich ist es das! David, Deutschland steht kurz vor dem Kollaps! Die Reichsten 2% besitzen alles während der Rest zum Überlebenskampf verdammt ist. Hass regiert dieses Land, Menschen werden arbeitslos und durch Kriminalität oder Sucht aufgefangen!“
Er wandte den Blick ab. „Ich weiß. Aber dank der vielen Feinde, die ich mir gemacht habe, kann ich keine Nacht mehr durchschlafen.“ Sophias Augen glänzten. „Mag sein, dass wir dabei unser Leben lassen, aber wir dürfen nicht aufgeben. Sieh dich doch um: Die frei verkäuflichen Waffen haben uns in Ghettos gepfercht, weil sie zumindest etwas Sicherheit bedeuten! Was ist das für eine Welt?“ Er schien nach wie vor nicht überzeugt und Sophia nahm sich vor, den Einstellungen zu überprüfen.
Traurig wirkte er, als er schließlich doch antwortete: „Die Lage ist auf der ganzen Welt nicht besser. Mit der Zerschlagung der Europäischen Union wurden wir zu einem Spielball. Immer mehr Menschen werden durch Klimaveränderung, Konflikte oder Verfolgung aus ihren Ländern vertrieben.“
Sophia wusste das alles. „Natürlich. Aber ich war selbst an europäischen Außengrenzen stationiert. Ich habe das Elend gesehen. Daran können du und ich momentan nichts ändern, aber wir können zumindest erreichen, dass es den Menschen hier bald besser geht. Dass Kinder nicht mehr wegen fehlender Medikamente sterben müssen. Dass Sucht und Kriminalität nicht vorprogrammiert sind, wenn man nicht zufällig in ein reiches Elternhaus hineingeboren wird.“
Ihr Blick wurde weich. „Dass Chancengleichheit kein Fremdwort mehr ist.“ David schüttelte resigniert den Kopf. „Sie kommen sowieso ständig mit neuen Schikanen um die Ecke. Wie mit der virtuellen Arbeit.“
„Das haben sie sich nur ausgedacht, um die Menschen davon abzuhalten, nachzudenken und gegen die Ungerechtigkeit vorzugehen!“, ereiferte sich Sophia, „denn sechs Stunden pro Tag online sinnlose „Arbeiten“ zu verrichten, nur um Menschen beschäftigt zu halten – was ein Schwachsinn!“
Sie hatten mehrere Sicherheitscheckpoints passiert und bogen in die Tiefgarage ein, die zu Davids Bürokomplex gehörte. Beide verfielen in Schweigen, während sie das Auto verließen, David in sein Büro ging und Sophia sich erst einmal einen Kaffee gönnte.
Durch die Glaswand konnte sie sehen, dass seine Sekretärin hineinkam und ein paar Dinge mit ihm besprach. Sie sinnierte über den Zweck der Mission, umklammerte ihre Tasse mit dem heißen Getränk und fragte sich, ob die Wahl in einigen Wochen Besserung bringen würde.
Sie stand hinter der massiven Glaswand, als wäre sie Teil eines Stummfilmes, tausende Meilen von den Geschehnissen entfernt oder als würde sie schlicht und einfach nur träumen; war bestenfalls hilflose Zuschauerin, als David von seiner langjährigen Assistentin erschossen wurde.

„Verdammter Mist“, fluchte Sophia, zog ihre Virtual Reality Brille vom Kopf und donnerte sie empört auf den Boden. „Das ist kein Spielzeug!“, empörte sich ein Mann mit einem Tablet in der Hand und einer Brille auf der Nase. Schuldbewusst hob sie das Gerät auf. „Sorry, Richard. Hast du zugesehen?“ Er nickte.
„Ja. Guter Ansatz.“ „Von wegen. Erstens wurde er niedergeschossen und zweitens war er nicht von der Mission überzeugt. Wieso? Er ist schließlich unser Politiker, der die Welt verändern will“, wollte sie genervt wissen. Er suchte auf dem Tablet herum. „Die KI hat das so berechnet. Bis zu diesem Zeitpunkt sind so viele Menschen für die Sache gestorben, dass jeder zweifeln würde.“
Er blickte über den Rand seiner Sehhilfe hinweg und musterte sie, aber sie blieb uneinsichtig. „Wieso wird er von der Sekretärin verraten? Und wie zur Hölle hätte ich das verhindern können?“ Richard seufzte entwaffnet. „Weil ihr die Industrie mehr Geld geboten hat, als sie jemals ausgeben kann. Menschen sind korrupt. Zu verhindern wäre das nur, wenn sie nicht auf finanzielle Hilfe angewiesen wären. Aber das charakterisiert nun einmal dieses Szenario.“
Sophia stand auf und rieb sich müde die Stirn. „Zumindest wurde David ihnen gefährlich. Sonst hätten sie nicht in seinen Tod investiert.“ „Absolut. In der aktuellen Entwicklung hättet ihr bei der Wahl drei Wochen später…“ Er suchte wieder auf dem Gerät herum, „22% Prozent erreicht. Die Wahlbeteiligung im Land wäre dank euch von 17% auf 28% gestiegen.“
Frustriert trat Sophia nach dem Stuhl. „Mist. Wir hätten wirklich die 20% Hürde im Bundestag geknackt?“ „Wie ich gerade sagte“, bestätigte ihr Gegenüber, sie hob resigniert die Hände. „Aber David wäre in jedem Fall getötet worden…“ Sie taxierte Richard. „Kann ich überhaupt gewinnen?“ Er zuckte die Schultern.
„Wenn wir das wüssten, würden wir Projekt Delphi sofort einstellen. Aber unsere bisherigen Ergebnisse zeigen, dass es fast unmöglich ist, wenn wir einerseits den Klimawandel nicht bald stoppen und andererseits der Wirtschaft weiterhin die politische Steuerung unseres Landes überlassen. Können wir aber beweisen, dass eine lebenswerte Zukunft unter diesen Umständen unmöglich ist, bekommen diese Themen vielleicht die nötige Aufmerksamkeit. Und die Mehrheit muss doch wirklich Interesse daran haben, zu verhindern, dass die reichsten 2% knapp 90% des Vermögens in diesem Land besitzen.“
Traurig sah Sophia ihn an. „Das wird uns spätestens 2050 die Demokratie kosten. Wie konnte es nur so weit kommen?“, murmelte sie. „Es ist wie mit anderen historischen Ereignissen auch: Man wird sich darüber wundern, aber die Entwicklung ist im Nachhinein offensichtlich. Schon 2014 besaßen die reichsten 10% über 60% des Vermögens, und ein paar Jahre später hat man festgestellt, dass Deutschland über den größten Niedriglohnsektor in Europa verfügt. Vermögen aus Erwerb aufzubauen wird faktisch unmöglich, nur noch das Elternhaus zählt. Chancengleichheit ade.“
Er atmete tief durch. „Wir ignorieren es so lange, bis wieder Populisten an die Macht kommen. Denn sie werden stark, wenn alles andere schwach ist.“ Sophias Gesicht hellte sich auf. „Aber es ist noch nicht 2035. Es ist 2019. Uns läuft zwar die Zeit davon, aber es ist noch nicht zu spät. Noch können wir etwas ändern.“

 

Rechercheinfo hier.

Theater ist Theater

Disclaimer: Ich schreibe gerne über sehr verschiedene Themen. Und abgesehen von meinen persönlichen Erlebnissen, auch gerne mal Stories, die in meinem Kopf sind. Für individuelle Interpretationen übernehme ich keine Haftung; Figuren, Locations und Handlungen sind frei erfunden. Trigger Warnings werden aufgeführt. Wer es nicht lesen möchte, klickt es bitte weg. Aktuelle Beiträge aus Neuseeland werden die Abkürzung „NZ“ vornedran haben, Stories wie diese hier sinnigerweise „Story“. Danke.

. . .

Theater ist Theater

[[Trigger Warning: Drama, Tod, Terror, unglücklich verliebt]]

Sie kann gar nicht glauben, dass alle hier sind. Das Theater ist voller Menschen, erinnert an das Londoner West End: Rote Teppichböden, in gleichen Farbtönen gehaltene bequeme, wenn auch etwas schmuddelige Sitze, die auch den müden und zur Vorstellung genötigten Zuschauer komfortabel mehrere Stunden überleben lassen. In der Mitte des Saals verläuft eine kunstvoll geschwungene Wendeltreppe aus dem Zuschauerraum gen Decke und verschwindet in der Dunkelheit. Seltsam, dachte sie bei sich, versperrt das nicht die Sicht auf manche Plätze? Aber die Kunst, die offensichtlich bei der Gestaltung die Hauptrolle gespielt hatte, machte dies locker wieder wett. Es ist nicht der schlechteste Ort, den sich das Universum hätte aussuchen können, zumindest für das, was kommen würde. Ein Trost? Vielleicht. Er war auch hier, sie hatte ihn aus dem Augenwinkel gesehen. Natürlich würde er sich bei einer solchen Veranstaltung niemals in ihre Nähe begeben, zu groß die Gefahr, dass sich jemand etwas dabei denken würde; falsche Schlüsse ziehen würde, die doch richtig waren. Wenn viele Leute zusammenkamen, war es immer wichtiger und vor allem spannender, mit denjenigen zu reden, die man nicht oft sah oder bisher nicht kannte, natürlich, das verstand sie, oder zumindest tat sie so und das ziemlich überzeugend. Es waren schließlich so viele Menschen dort, er war nur einer, der Zuschauerraum war gefüllt und in einigen Minuten würde die Aufführung beginnen. Sie hatte schon längst vergessen, was überhaupt gespielt wurde. Ein Theaterstück? Oder eine Oper? Untypisch für sie; vielleicht war es aber auch schlicht und einfach nicht mehr wichtig. Hunderte von Menschen (passten so viele überhaupt hinein?) hatten Platz genommen und sie hatte ihn schon längst aus den Augen verloren, was normalerweise niemals passierte. Als ein Schuss durch den Saal jagte, schaute sie überrascht, einem Reflex folgend, auf ihre Armbanduhr. Drei Minuten bis zum Vorstellungsbeginn. Das konnte doch nicht Teil derer sein, oder? Zu früh zum Sterben. Um sie herum schien man ähnlich zu denken, Panik brach aus, Zuschauer flüchteten. Unfähig, sich zu bewegen oder einen klaren Gedanken zu fassen, nahm sie ruhig ihren Becher mit Wasser in die Hand, welcher unter ihrem Sitz gestanden hatte, trank einen kleinen Schluck. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wer neben ihr gesessen hatte, beobachtete die Szenerie, als wäre sie nicht betroffen. Weitere Schüsse, sie hatte mal etwas von halbautomatischen Waffen gelesen, die phänomenal oft hintereinander schießen konnten. Aber so etwas war doch nur für das Fernsehen oder Albträume gedacht. Mittlerweile war alles voller Rauch, der Geruch ließ sie aus ihrer Lethargie erwachen. Die Ausgänge konnte sie nicht sehen, aber es drängte sich der Verdacht auf, dass die Schützen irgendwo dort waren. Aus dem Augenwinkel sah sie ein paar Personen, die sie flüchtig kannte und sie konnte nicht sagen wieso, aber sie machten sich zusammen auf den Weg die Wendeltreppe hinauf. Niemand wusste, wohin die Treppe genau führte, aber war das nicht ihre beste Chance? Rasch stieg die kleine Gruppe die verzinkten Stufen hinauf, sie voran, der Wasserbecher immer noch in ihrer Hand. Plötzlich – Schüsse hinter ihr, schwarze Maske, Waffe und sie überlegte noch, irgendetwas zu sagen, wie im Film, etwas Heldenhaftes, aber zu spät, ihr Körper zuckte zusammen als sie getroffen wurde und ihre Knie gaben nach.

Als sie ihren Namen hörte, schlug sie die Augen auf. Sie war immer noch auf der Treppe, aber das Chaos hatte sich beruhigt, die Panik war verschwunden. Besorgte Menschen um sie herum wollten wissen, ob es hier gut ging, aber sie schüttelte den Kopf und erklärte, dass sie getroffen wurde, vermutlich Bauchschuss.  „Aber da ist kein Blut“, antwortete ihr Gegenüber. Sie sah erstaunt an sich herunter und realisierte, dass dem wirklich so war. Hatte sie sich das nur eingebildet? Würde sie nicht sterben, ihn wiedersehen? Sie hörte sich selbst mit trockener Stimme nach ihm fragen, war erleichtert, zu hören dass es ihm gut ging. Na klar, er würde es immer schaffen. Er stand über den Dingen, er war unantastbar. Aber vielleicht war auch für sie noch nicht alles verloren? Als sie die Erleichterung ausatmete, spürte sie plötzlich einen Schmerz, halblinks am Rücken, oberhalb der Niere. Mit der freien Hand tastete sie dorthin und erschrak gar nicht wirklich aufgrund der schieren Menge des dunkelroten Blutes. Doch getroffen, sie hatte es ja gewusst. Zu viel Blut. Zu spät. Die kunstvollen Stufen und das Geländer der Treppe war so vergittert gearbeitet, dass man teilweise hindurchsehen konnte. Sie ließ ihren Blick im Zuschauerraum umherschweifen und abgesehen davon, dass alles verschwamm, konnte sie ihn nicht sehen und sie hätte es doch so furchtbar gerne noch einmal getan, gegen jegliche Vernunft, auch wenn oder gerade weil sie sich die Gedanken an ihn verbieten musste. Sie glaubte zu hören, dass es gar nicht allzu viele Tote gegeben hatte, aber wie konnte das sein, es war doch so oft geschossen worden? Sie konnte das Rätsel nicht lösen, es war nicht mehr ihre Aufgabe. Sie ließ erschöpft den leeren Wasserbecher los, der in Zeitlupe in den Saal hinunterfiel und erst viel später auf dem Boden aufschlug.

. . .

 

Und was, wenn nicht?

…wenn das Ende nicht gut ist? Wenn es dann aber leider zu spät oder vorbei ist und man nichts mehr daran ändern kann? Redet man sich dann solange die Konstruktion des „Happy Ends“ ein, bis man selbst seine Lügen glaubt? Und wer entscheidet eigentlich, wer dieses schöne Ende bekommt und wer nicht? Natürlich, alles ist abhängig von der eigenen Sichtweise. Aber mir kann niemand erzählen, dass bei einem Terroranschlag auf der London Bridge zu sterben, ein Happy End ist.

Schon oft habe ich mir die Frage gestellt, wie die Menschheit auch nur das minimale Recht auf Freude, Glück oder sonstige positive Gefühle empfinden kann, bei all dem Elend, was schon geschehen ist und tagtäglich geschieht. Wieso dürfen die einen das Leben so sehr genießen, während der Rest leidet oder einfach zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein das „Unhappy End“ bedeutet? Ich würde gerne an einen Sinn glauben, der über allem steht, so wie ein Dach, unter welches alles gehört, auch wenn es auf den ersten Blick nicht sichtbar ist, letztendlich dann aber doch Schutz vor dem Regen bietet.

Andererseits gibt es so viel Gutes, was die Welt zusammenhält. Altruistisches Verhalten oder einfach nur sehr anständige Menschen, welche höhere Werte teilen als „jeder für sich selbst“. Was ist die Wahrheit? Darf ich mich wirklich über ein langes Wochenende in London freuen – inkl. Upgrade in die Business Class, drei warme Mahlzeiten am Tag weil es hier Essen aus aller Welt gibt, stundenlang im Hyde Park rumliegen, den weißen Marmor, das Licht und die Rosen bei St. Pauls genießen – und dann über die London Bridge spazieren, eine Rose ablegen direkt unter der Nachricht der Mutter eines 21-jährigen Anschlagsopfers? Mich über das laute Hostel, die zeitraubende Arbeit beschweren und dann über den Security-Menschen wundern, der im Starbucks (!), in dem ich diese Zeilen schreibe, weitere Attacken verhindern soll?

Ich weiß es nicht und es hilft nichts. Es hilft niemandem etwas, wenn die Menschen meinen, nicht mehr glücklich sein zu dürfen – außer vielleicht den Terroristen, die dann doch ihr Ziel erreicht haben. Deswegen bin ich auch ein großer Fan des Theaters: Nicht nur, dass sowohl im West End als auch in renommierten Theatern wie Shakespeare’s Globe oder Barbican immer wieder Stellung bezogen wird zu aktuellen politischen Themen und Hauptfiguren („… who is the other devil? What’s his name? Trump!“ oder „a climate-change neglecting fake tan“), auch Aufrufe verbreiten sich zusehends, ob über Flüchtlinge oder die neusten Terrorattacken („…because the worst thing that can happen is letting those f*ers tell us how to live our lives!“). Es hilft den Opfern nicht, den Toten nicht, es hilft wahrscheinlich auch nicht, die nächste Attacke zu verhindern. Aber es zeigt zumindest: Wir sind nicht alleine.

Wieder gibt es keine Antwort auf diese Frage, auf so viele Fragen. Wieder einmal wird der Mensch alleine gelassen und zum tausendsten Mal liegt es an ihm, was er daraus macht. Ich bin mir sicher, dass keiner der Anschlagsopfer dieses Ende wollte, genauso wie tausende andere Tote bei Unfällen oder weiteren Anschlägen. In dem Moment hatten sie keine Wahl mehr. Wir, diejenigen die noch da sind, wir haben noch eine Wahl. Und zwar jeden Tag. Und gerade in Anbetracht solcher Vorfälle ist es unsere verdammte Pflicht, das Beste daraus zu machen – stellvertetend für all diejenigen, die dies nun nicht mehr können. Eine so abgelegte Rose kann vermutlich nicht für ein Happy End stehen, aber zumindest für ein Leben, was ein solches Ende wert war.

DSC_0391

 

 

Wie möchte ich leben?

Wer möchte ich sein? Was ist mir wichtig? Wer möchte ich gewesen sein und macht das überhaupt einen Unterschied? Gibt es so etwas wie Karma oder kann man sich in dieser Welt wirklich wie der letzte Vollpfosten verhalten, ohne dass das Konsequenzen in irgendeiner Art und Weise hat? Was ist die Wahrheit?

Nun suche ich schon (fast) mein ganzes Leben lang nach Antworten auf diese Fragen. An einigen Tagen oder besser in einigen Sekunden, wenn ich Glück habe vielleicht auch mal Minuten, fühle ich mich, als hätte ich Antworten gefunden. Als seien sie so klar, so leuchtend und so offensichtlich, dass ich mich frage, wie ich diese jemals nicht sehen konnte. Die Welt steht einladend weit offen, nur darauf wartend, dass jemand wie ich danach strebe, solche Fragen zu beantworten.

Und dann erscheint sie doch wieder wie die graue, dunkle Masse; ein hämisches Grinsen in der Sicherheit, niemals Antworten zu finden und wenn doch, dann gehen daraus noch viel mehr Fragen hervor, sich manifestierend in einem nie enden wollenden Kreislauf. Als sei diejenige Theorie, die besagt, dass das menschliche Gehirn nicht dazu in der Lage sei, den Kreislauf der Welt oder verschiedene Theorien von „Gott“ zu begreifen, ernüchternderweise wahr und als existierte faktisch nichts Wahreres.

„Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.“ Ein gern gesagter, meiner Meinung nach weniger gern gehörter Satz. Eben weil der vielleicht gar nicht zutrifft, weil die Wahrheit womöglich weit außerhalb von dem liegt, was der Mensch sich in seiner Einfachheit vorstellen kann und ganz egal, wie viele Gedanken er sich darüber macht, doch niemals die „Wahrheit“ findet oder doch zu dem Schluss kommt, dass sie gar nicht erst existiert.

Für mein persönliches Befinden ist diese Idee extrem frustrierend, daher bin ich auf das Konzept der persönlichen Wahrheit umgestiegen: Jeder Mensch lebt in seiner eigenen Welt, mit seinen eigenen Wahrnehmungen, mit seinem Selbstbild, was manchmal Lichtjahre entfernt von seinem Fremdbild liegt. Das ist die Wahrheit – und manchmal, nicht immer, aber vielleicht öfter als man vermuten mag – ist sie vor allem eins: Genug.

Terror

In meinem Kopf gibt es gar nicht so viel, wie ich eigentlich immer denke. Abgesehen von der Existenz einiger omnipräsenter Themen ist mein Gehirn scheinbar so trainiert, dass es für nichts anderes Platz lässt – dies dafür aber wieder und wieder bis in das kleinste Detail durchdenkt,  so lange bis es wirklich keinen Spaß mehr macht und nur ein bitterer Schatten zurückbliebt, dessen Dunkelheit sich bestenfalls mit Zeit am Strand oder Weißwein verscheuchen lässt. Typisches ENFP-Persönlichkeitsmerkmal, wie ich gelernt habe.

Auch wenn das gängigste Verständnis des Wortes „Terror“ doch anders zu definieren ist, insbesondere in der heutigen Zeit, existieren auf dieser Welt verschiedenste Arten, wobei ich mir nicht anmaße auch nur die Hälfte deren zu begreifen. Dies ist als Privileg zu empfinden und es steht dem Menschen nicht zu, über die verschiedenen Wahrnehmungen dessen als solches zu urteilen. Terror beginnt im Kopf und schlimmer als derjenige, welcher an einen bestimmten Ort gebunden ist, kann man psychisch nicht entfliehen, denn er ist dabei, in jeder Tasche die man packt und schleicht sich mit über jede Landesgrenze, die man passiert.

Luxusprobleme, argumentiert nun der Belesene, vertraut mit all den fürchterlichen Schlagzeilen und Opferzahlen in dieser Welt. Ja, stimme ich zu. Aber nichtdestotrotz eine Herausforderung, eine Schlacht, die zu schlagen ist und deren Verlust, ähnlich dem „alltäglichen“ ortsgebundenen Terror, das Ende bedeuten mag. Auch wenn die Bantwortung der Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält, als unmöglich in die Geschichte der Menschheit eingeht, so ist doch festzustellen, dass die Welt zumindest nicht nur schlecht ist – ansonsten würde sie eben nicht mehr zusammengehalten und wir alle verloren und zwar auch physisch und nicht nur in unseren Köpfen.

So bleibt der Kampf gegen den Terror jedem selbst überlassen, jeder Einzelne gegen seine Gedanken, seine Hirnstruktur, gegen die Dinge, die ihm viel zu wichtig sind und auch zu unwichtig; für die Dinge, die den Unterschied machen. Und trotzdem bleibt auch die Frage nach dem Ende, nach der Lösung, welche Sieger und Verlierer impliziert, in allen drei Fällen offen.

Die Rache des French Toast

[[Scroll down for English Version]]

Die Rache des French Toast

7:10 Uhr morgens, Marriott Courtyard Hotel Shanghai Central, MoMo Frühstücksbar 2 F. Sarah Small hat sich verschlafen auf den Weg zum Frühstück gemacht in der Hoffnung, um diese Zeit möglichst keine Kollegen zu sehen, die samt und sonders auch alle im Hotel zum Teammeeting residieren. Nicht, dass sie ihre Kollegen nicht mag, aber bei einem Tagesprogramm von 8:30 bis 19:00 plus Abendveranstaltung ist ein wenig Ruhe doch bitter benötigt. Sarah gibt also ihre Zimmernummer am Counter an und unterschreibt ihre Anwesenheit, wird dann zu ihrem Tisch geführt. Auf dem Weg dorthin fängt ein rundlicher Amerikaner (Sorry, dass Sarah etwas negativ beeinflusst ist, nachdem sich ein amerikanisches Pärchen lautstark darüber beschwert hat, dass sämtliche Straßenschilder, Werbungen und Menükarten in Chinesisch sind – und das in Shanghai!) besagten tischzuweisenden Kellner ab und fragt nach French Toast. Der Kellner, ein freundlicher Chinese, verweist im gebrochenen Englisch auf die entsprechende Stelle des Buffets. Der Gast setzt einen zunehmend missmutigeren Blick auf und erklärt in schnellem, sehr amerikanischem Amerikanisch, dass die letzten drei French Toasts kalt seien (die Wärmelampe darüber zählt offensichtlich nicht) und dass er gerne „more“ möchte. Der Chinese, der erstaunlich freundlich bleibt, nickt nur verdattert und bedeutet per Handzeichen, dass er mehr bringt (ich denke zumindest, dass es das ausdrücken sollte). Wie auch immer, der Amerikaner lässt noch einige sehr unamused Sätze fallen, was den Kellner gleichfalls nicht besonders amüsierte.

Etwa zwanzig Minuten später ist auch Sarah bei den French Toasts angekommen, sie hatte sie schon an ein paar Tagen vorher probiert und für gut befunden. An diesem Morgen jedoch war ihr nach einem Biss klar: Der French Toast (oder der Kellner) hatte an dem Amerikaner Rache genommen.

Nachtrag: Circa 90% ihres French Toasts haben überlebt und diente als Zeuge dieses Berichts. Lediglich, wessen Rache es in diesem Fall war blieb bis heute unkommentiert.

 

 

 

 

The Revenge of the French Toast

7:10 am, Marriott Courtyard Hotel Shanghai Central, MoMo Breakfast Bar on 2F. Sleepy Sarah Small makes her way to the breakfast area hoping that she wouldn’t meet any of her colleagues who are accommodated in this hotel for team meeting purposes as well. Don’t get her wrong, not that she dislikes her colleagues but with a daily meeting schedule from 8:30 am to 7 pm plus team event, she simply needs some me-time. Therefore, Sarah is noting her room number at the counter and signs that she is having breakfast buffet this morning. After this, a waiter leads her to her table but both are stopped by a chubby US citizen who is asking the waiter for French Toast (sorry that Sarah is kind of biased after witnessing a US couple heavily complaining about all those street signs, advertisements and menus in Chinese – in Shanghai!!!). The friendly Chinese waiter points at the corresponding plate on the breakfast buffet. The US guest discontentedly explains that those few pieces left are cold (no worries about the heat lamp above, mate) and that he wants more of it. The waiter who stays surprisingly calm and friendly nods and tries to explain via hand signals that he will bring some more (at least I figure this). However, the US guy drops a few not-that-amused sentences which does not amuse the waiter equally and lets it go.

About 20 minutes later, Sarah gets to the French Toast as well. She tried it on the days before and quite liked it. At this morning, it came clear to her after one bite: The French Toast (or the waiter) took revenge on the US guy.

Post scriptum: About 90% of her French Toast survived this morning and was heard as witness. Merely whose revenge it was in the end – of the waiter or French Toast – remained unclear until today.

Just pizza. And so much more.

Once upon a time, there was a girl. Who obviously loves pizza. But what is not that obvious on the picture is something else. She wandered around in her hometown for weeks, wondering over and over again if she could dare and how she would feel if she was able to finally do it.

It took her quite a while to convince herself, to pick a restaurant that would suit and would not be that hard to do what she intended to. Fearing weird looks or to get lost a bit in loneliness, she postponed that day on and on, somehow caught in a fight with herself. But one day, the time was right.

So she just left work on one evening, jumped onto the tram to the city center and entered the restaurant. Picked up this going-to-be-delicious pizza, took a photo of it (there we are, obvious again), sat down and ate it up even without being in a hurry.

She noted that it took her 26 years of her life to not only dare herself to do that, but – and this was far more important to her – to have that wish to be able to. This experience she gained in March 2016 was so great that she consequently repeated it whenever she fancied.

And yes, she earned weird looks, sometimes puzzled staff as well as other people just coming by and picking up their food in order to avoid what she finally managed to accomplish: To experience the huge difference between loneliness and solitude which lead to do what she did –

To just go and enjoy dinner in a restaurant all by herself.

pizza-2